Gefühlte Klarheit

Donald Trump wird Präsident der USA. Das ist weniger ein gelungener Einstieg in diesen Artikel als eine aktuelle Schreibübung für Autoren. Der Satz kostet Überwindung. Scheinbar haben diese Worte eine immanente Macht und als Schreibender muss man befürchten damit ein weiteres Unheil zu beschwören. In Feuilletons und Kommentaren scheint die Lösung dafür irgendwo zwischen dunkler Schokolade und Sloe Gin zu liegen. Ich selbst habe es mit dem Tod versucht, ein Fried Chicken nach dem anderen. Leider habe ich dadurch wahrscheinlich nur neun Minuten Lebenserwartung verloren. Deswegen muss ich mich jetzt damit auseinandersetzen, dass der mächtigste Mann der Welt eher Charakter einer politischen Satire sein könnte als Produkt des demokratischen Prozesses.

Die Suche nach den Gründen für diese Entwicklung führt uns schnell zu den Themen wie postfaktisches Zeitalter, gefühlte Wahrheit und enttäuschte Mittelklasse. Es ist nicht zu bestreiten, dass diese Wahl auch ein Aufbegehren gegen die Eliten war. Aber diese augenscheinliche Klarheit ist irreführend. Nicht nur von den Abgehängten und Vergessenen, sondern von Vielen, die vom aufgedunsenen politischen Konvolut genug hatten. Diese Abscheu ging so weit einen Hass predigenden und verlogenen Mann zu wählen dessen krude Botschaften sich auch gegen das eigene Geschlecht und die eigene Herkunft gerichtet haben. Zwar haben ihn größtenteils weiße Männer gewählt, aber auch Frauen und Latinos gehörten zu seinen Unterstützern. Diesen Fakt auf Dummheit zu schieben die Amerikaner zu belächeln, wäre eitel und fatal.

Das ist schon deshalb richtig, da es kein amerikanisches Phänomen ist. Wir brauchen nicht weit zu reisen, um mit dem Brexit eine ganz ähnliche Entwicklung zu finden. Dort wurde der Wahlkampf ebenso mit Gefühlen und ohne faktische Untermauerung geführt. Mehr noch: Experten werden verteufelt. Wenn man selbst für einen Moment die Fakten außen vor lässt, dann wird vielleicht nachvollziehbar, wie es sich anfühlt, von einem Außenstehenden die eigene Lebenswelt erklärt zu bekommen. Dieses Gefühl ist für jeden Nachvollziehbar, der schon beim Steuerberater war oder sich an die eigene Schulzeit erinnert. Die Forderung miteinander in den Dialog zu treten ist der richtige Weg. Doch wie? Die eine Seite erscheint rational, die andere irrational, panisch, wütend. Allerdings sollte man die Selbstanalyse mit der nötigen Ehrlichkeit anstellen, denn Angst und einen gewissen theatralischen Fatalismus können wir sehr wohl nachvollziehen. Gerade jetzt. Um den Gedanken weiterzutreiben: So wie wir uns jetzt fühlen, haben sich viele Republikaner gefühlt als Barack Obama gewählt wurde, besonders die Tea Party.

Jeder Mensch erlebt seine eigene Realität. Alle Wahrnehmungen werden durch die eigenen Erfahrungen beeinflusst, gefiltert und gerahmt. Das hat schon Maurice Halbwachs vor gut 100 Jahren festgestellt. Dafür müssen wir ein offenes Ohr haben, genau wie für die Argumente der anderen.

Ein ausgleichendes Element sollte die vierte Gewalt sein, die Presse. Leider ist sie auch in einer Mischung aus Schock und Gefühlsduselei versunken. Stündlich prasseln weitere Berichte über Proteste, Hillarys Tränen oder Trumps Unglaublichkeiten auf uns ein. Die wenigsten von Ihnen versuchen Inhalt in den postfaktischen Strom zu bringen. Dabei schaffen es diese Informationen, dass wir wieder Boden unter den Füßen bekommen. Sie sind die Grundlage für unser Denken, Handeln und Sprechen. Wie sollen wir von einer gefühlsbasierten Debatte auf konstruktive Diskussionen kommen, wenn selten über komplexe Inhalte informiert wird? Beispielsweise scheint noch niemand berichtet zu haben, dass die Wählerstimmen bei den Republikanern seit 2008 relativ gleichmäßig bei 60 Millionen stehengeblieben sind. Während der demokratische Anteil seit Obamas erster Wahl von 69 Millionen auf heute 59 Millionen gesunken sind. Das sind rund 10.000.000 abgegebene Stimmen weniger. Also hat Trump nun die Massen mobilisiert oder sind die Demokraten aus diversen Gründen zu Nichtwählern geworden? Das wäre einer der Punkte, der für ein wirkliches Verständnis der Lage zu erörtern wäre. Aber es zeigt vor allem eines. Egal, ob gegen Populisten, Medienmogule oder Rechtsextreme:

Jede Stimme zählt.

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