The End of Days

Das mit dem Leben ist so eine Sache. Es bremst für niemanden und auch, wenn es dabei ab und zu jemandem überfährt, ist es gut so. Eben wegen dieser kompromisslosen Art heißt es immer: Das Leben geht weiter. Gut, Deins vielleicht nicht, aber generell schon. Scherz beiseite, auch wenn es manchmal den Anschein hat, die Welt bleibt nicht stehen. Daraus ergibt sich immer Neues, das von selbst weder gut noch schlecht ist. Es ist vielleicht einfach oder unbequem, aber ob es positiv oder negativ ist, hängt zum großen Teil von unserer Einstellung ab.

Mir ist zwar in den letzten Monaten viel Schweres passiert, aber fast ausschließlich Gutes. Für mich beginnt jetzt ein neues Leben, nicht nur ein Lebensabschnitt. Schon lange bevor ich single war, zeichnete sich das ab. Allerdings sah es da eher nach einem Abschnitt aus und nicht nach dem Ende aller Tage.

Neuer Job, neue Wohnung, keine Frau.

Ab April bin ich wieder, was ich am besten kann: Klugscheißer. Ich bin für 3 + 2 Jahre mit einer vollen Stelle an der Hochschule und darf wieder lehren und forschen. Als Sahnehäubchen werde ich für meine Doktorarbeit bezahlt. Ich habe die Arbeit beim NHB gemocht, aber die Stelle ist großartig. Warum ausgerechnet ich so ein Glück habe, weiß ich nicht. Aber als jemand, der jahrelang laut und öffentlich über die prekäre Situation an den Hochschulen gemeckert hat, triffts natürlich mal den Richtigen. Heißt das jetzt man soll nicht jeden Job annehmen, sich nicht unter Wert verkaufen und ordentlich meckern? Ich glaube nicht. Am Ende war es einfach nur Glück, weil ich durch andere glückliche Zufälle das Stellenprofil zu 100% ausgefüllt hatte und mit noch mehr Glück auch darüber hinaus. Dafür muss ich jetzt komplett neue Sachen lernen, bewege mich in einem vollkommen anderen Arbeitsumfeld und weiß nicht, wie das alles funktioniert. Aber ich freue mich sehr auf die Herausforderungen. (Randnotiz für meine Studierenden: Das ist nicht meine erste Hochschule. Ich google euch auch.)

Nachdem ich über vierzig Wohnungen angeguckt hatte, bevor mich mal jemand haben wollte und die Wohnung auch hübsch war, habe ich endlich eine gefunden. Innerhalb von zehn Tagen musste ich den Umzug organisieren und bin froh, dass ich so gute Freunde habe. Es gibt Menschen, die setzen für einen alles in Bewegung und dafür danke ich allen. Jetzt habe ich eine schöne, große, stille Wohnung an einem tollen Fleck in Hannover. Drumherum sind ganz viele hässliche Flecken, aber das werde ich wohl überleben. Die Wohnung gefällt mir jedenfalls richtig gut, auch wenn sie ein wenig auf der teuren Seite ist. Aber auch da hat sich das Warten eindeutig gelohnt. Auch hier endet etwas. Bald zwanzig Jahre habe ich hier gewohnt, in meinem eigenen Haus. Es waren meine Erde, meine Mauern, jetzt wohne ich zur Miete. Freiwillig, denn ich habe viel zu lange Wurzeln geschlagen. Auch dieser Entschluss kam schon im November, wurde nur jetzt beschleunigt.

Wieder ein Ende, wieder lasse ich viel zurück, auch wenn ich die Erinnerungen mitnehme. Es ist das erste Mal, dass ich nicht versuche mich an etwas zu klammern. Ich lasse so viel wie möglich da, schmeiße viel weg und hebe auch kaum Andenken auf. Die Erfahrungen und Erinnerungen sind doch in mir, wozu brauche ich denk kram. Gegenstände ändern sich auch nicht. Sie vermitteln uns immer den Eindruck, das etwas noch so ist, wie es ist. Dabei bleibt nichts so wie es ist, genauso wenig wie das Leben stehen bleibt. Wenn wir uns zu sehr an die Vergangenheit klammern und das Leben uns weiterzieht, zerreißt es uns irgendwann. Ich nehme nur mit was ich auch tragen kann und bleibe nicht da wo alles liegt, das zu schwer geworden ist.

Das bringt uns schließlich zu keine Frau. Das war, ganz ehrlich, lange Zeit meine Horrorvorstellung. Gut, meine Traumvorstellung ist es immer noch nicht. Aber ich dachte immer, dass etwas fehlen würde. Ein Teil von mir, von meinem Herzen, von meiner Welt. Davor hatte ich eine riesige Angst und das sagt jemand, der zwar eine Drama Queen, aber kein ängstlicher Mensch ist. Nach über acht Jahren jemanden verloren zu haben, ist für mich die extreme Version dieser Horrorvorstellung. Genau das war es allerdings nur, eine Vorstellung. Mir fehlt nichts. Natürlich ist es anders, weniger kuscheln, weniger rosa und gemeinsame Zeit. Aber es fehlt nichts an mir selbst. Ich bin komplett und zufrieden mit mir. Paradoxerweise stört mich das.

Wenn ich mich durch etwas leer fühle, dann weil für mich persönlich alles so gut läuft. Ich habe keine Aufgabe. Die Doktorarbeit kann ich im Moment noch nicht anfangen, bei der neuen Wohnung habe ich alles erledigt, was die Situation und das Geld erlaubt und für mehr habe ich auch ehrlich gesagt keine Zeit. Ich bin nicht gewohnt, dass etwas gut läuft und selbst wenn man die Trennung mit dazu nimmt, läuft alles überdurchschnittlich gut. So ganz ohne Konflikte weiß ich gar nicht, wo ich mit meiner Energie hin soll. Natürlich habe ich noch Probleme und viel Arbeit. Trotzdem belasten die mich nicht auf die gleiche Weise, wie ich vor ein paar Monaten noch belastet war. Alles ist gefühlt viel zu einfach. Die emotionalen Muskelpakete der letzten Jahre heben die Hindernisse jetzt mit Leichtigkeit.

Auch dieses Ende aller Tage stört mich nicht, weil ich weiß, dass er nur der Anfang einer Nacht und eines neuen Tages ist. Lustig ist, dass ich jetzt wieder Naruto gucke, weil alle anderen Serien aufgebraucht waren. Das letzte Mal habe ich das in der Anfangszeit mit Sophie geguckt. Es schließt sich dadurch ein gewisser Kreis und ich werde daran erinnert, wie mein Leben und ich damals war. Lustiger ist, dass auch Naruto jetzt stark auf die Folgen von damals zurückblickt. Also eine eine Reflexion im Rückblick des Rückblicks der Reflexion oder so ähnlich.

Was ich damit sagen will ist nur Folgendes: Wir bleiben nie wer wir sind, sind aber auch immer, wer wir waren. Man kann einen Schnitt machen und neu Anfangen, nimmt sich aber immer mit. Alles andere wäre gelogen. Wir bauen immer auf gestern auf, wenn wir morgen schon wieder ein wenig anders sind. Ich bin kein Optimist und mit Hoffnung sieht es bei mir auch schlecht aus. Aber ich schöpfe Ruhe und Zufriedenheit aus dem stetigen Wandel. Jetzt muss ich nur noch etwas in mir finden, dass mich nicht nur zufrieden, sondern auch glücklich macht.

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