Warrior Spirit

Dieser Beitrag ist schon ein paar Monate alt, aber nie fertig geworden. Damals fühlte es sich auch scheinheilig an ihn zu schreiben. Mir ging es sehr gut und alles war in Ordnung. Da ist es einfach über Kampfgeist und eine positive Lebenseinstellung zu reden. Aber jetzt, wo es nicht mehr so toll ist, fühlt er sich immer noch richtig an. Deswegen poste ich ihn endlich. Alles hat sich ein wenig bestätigt.

Dieser Beitrag stinkt vielleicht etwas nach Zen, wie mir jemand nahelegen würde, der diesen Blog wahrscheinlich nicht liest. Für mich geht es heute um etwas, worüber ich schon seit langem nachdenke. Es geht um Budō, etwas stumpf übersetzt: Den Weg des Kriegers. Wie bei den meisten japanischen Begriffen, ist das nicht wörtlich zu nehmen. Jedes japanische Schriftzeichen kann auf diverse Arten übersetzt werden. Das beinhaltet eine elementare Erkenntnis. Es gibt keine absolute Wahrheit, nur bestimmte Perspektiven aus denen heraus man etwas betrachtet.

Es geht um mein Leben seit ich Bujinkan Budo Taijutsu angefangen habe. Heute fällt es mir schwer „seitdem ich trainiere“ zu sagen. Für mich ist es wirklich „dō“, ein Weg geworden. Das Training fängt nicht im Dojo an und Endet auch nicht mit einer Verbeugung und den Worten „domo arigato gozaimasu.“ Diesen Weg gehe ich, jeden Tag, auch wenn ich nicht physisch übe, wie in den letzten Wochen. Am Anfang habe ich mich nur auf das körperliche Training beschränkt und war immer frustriert, wenn ich keine Zeit hatte oder krank war. Das passierte in den letzten Jahren häufig, wie auch in den letzten Wochen. Mein Taijutsu ist starr und unaufmerksam geworden, noch mehr als es sowieso schon war. Das gefällt mir offen gesagt nicht. Aber ich gehe weiter meinen Weg und das jeden Tag.

Budō ist eben nicht nur Kampf. Besser gesagt: Es ist nicht mal Kampf. Wer kämpft bringt sich in Gefahr. Es geht ums (Über)Leben. In der heutigen Welt sind Brutalität und Gewalt nicht so fern, wie es oft scheint. Aber der tägliche Kampf ist meist ein anderer. Wir sind jeden Tag sozialen und mentalen Konflikten ausgesetzt. Schon morgens auf dem Weg zur Arbeit, können Leute in der Bahn unfreundlich und störend sein. Kollegen können auf der Arbeit nicht nur stören, sondern auch Steine in den Weg legen und der Chef kann den Tag ganz versauen. Die Kunst ist eben nicht damit zu kämpfen. Man sollte sich einpassen, nicht an der Situation anhaften und nehmen was kommt, anstatt nur eine bestimmte Situation zu erwarten.

Das ist analog zum physischen Training. Übt man eine bestimmte Technik in einer bestimmten Situation, wird man steif. Selbst bei der besten Technik muss sehr viel zusammenkommen, damit sie funktioniert. Stimmt ein Winkel, der Abstand oder das Timing nicht, wird die Technik nicht funktionieren. Da jeder Moment einzigartig ist, muss der Geist flexibel bleiben damit man sich immer an die Situation anpassen kann.

Das bedeutet nun nicht, dass man es aufgeben sollte sein Leben zu formen. Allerdings haben wir die allerwenigsten Sachen in unserem Leben unter Kontrolle und das ist etwas, das wir akzeptieren müssen. Das ist auch nicht nur negativ. Durch die fehlende Kontrolle können auch Dinge passieren, die über unseren Horizont hinaus gehen. Es geschieht immer wieder etwas von Außen. Würde nur passieren, was wir planen und uns vorstellen, wäre unser Leben ziemlich eindimensional.

Im Buddhismus heißt es:

Wenn jemand, dem ich gut getan und Hoffnung gegeben, mich tief verletzt, Möge ich ihn zu meinem höchsten Lehrmeister machen.

Im Bujinkan heißt es:

Ärger und Sorgen sind Teil des Lebens – betrachte sie als göttliche Geschenke.

Beides drückt etwas ähnliches aus und greift ineinander. Was wären wir ohne Probleme? Wirklich glücklich? Es sind die schlechten Zeiten, die uns Formen. Wie beim Krafttraining bauen wir hier mentale Muskeln auf, die wir auch in den guten Zeiten nutzen können. Wären wir nur behütet, müssten wir uns nie Problemen stellen, hätten wir irgendwann die psychische Konstitution eines Kalbsschnitzels (nicht mal mit Kruste). Ich bin dankbar für jeden Stress und jedes Problem, dass ich je hatte. Auch wenn ich noch dankbarer bin, wenn sie schnell vorbei sind. Da ist meine Einsicht noch nicht so gut ausgeprägt ;-).

Hätten wir nur Freunde auf der Welt und gäbe es keine Menschen, die uns etwas antun, hätten wir keine Möglichkeit zu trainieren. Wir könnten weder Freunde wertschätzen noch uns selbst auf schlechte Zeiten vorbereiten. Dieser Weg hilft mir sehr. Wenn ich nun betrachte, wie ich mit dem Ärger umgehe, stelle ich fest, dass es mir besser geht als früher. Der tägliche Kampf ist kein Zerren mit der Welt und den Menschen. Es ist ein reflektieren über sich selbst und seine Einstellung. Das einzige, was man wirklich ändern kann, ist sich selbst. Was ganz gut ist, weil man mit sich sein ganzes Leben verbringen muss.

1. Es gibt Leid.
2. Es gibt grundlegende Ursachen für dieses Leid.
3. Dieses Leid kann beendet werden.
4. Es gibt einen praktikablen Weg, dieses Leid zu beenden.

So einfach ist das. Diese Einsicht mag uns nicht immer gefallen. Genau wie der Weg den wir gehen müssen, um Leid zu beenden. Oft gehen wir deswegen (un)bewusst falsche Wege, was eine schädliche Täuschung ist. Wenn ein Weg zum Ende eines Leidens führt, müssten wir doch das Gute in ihm sehen.

Der Mensch ist bereit und gewillt, jegliches Leid auf seine Schultern zu laden, sobald und solange er einen Sinn darin erkennen kann.
– Viktor Frankl

Auf mich trifft dieser Satz zu. Gerade deshalb suchen Menschen auch oft einen Sinn im Leben. Der Warrior Spirit betrifft das ganze Leben. Es geht darum in allen Bereichen achtsam zu leben. Darum bleibt nie stehen, passt euch immer weiter an und gebt nie auf.

Ninpo Ikkan.

3 Kommentare

  1. Toller Text mit viel Weisheit darin verpackt. 🙂 Ich kann dir nur zustimmen, dass es wichtig ist, seine Probleme nicht abzustossen, sondern sie auf seinem Weg als Lehrer mitzunehmen.
    VIeles von dem, was du schreibst (übrigens total gut verpackt), hatte ich mir zwar auch schon überlegt, ist aber wohl mit der Zeit wieder irgendwo in meinem Kopf in einen Abgrund gerutscht.

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