Über das Anhaften und den klebrigen Geist

Meine größte Charakterschwäche ist das Anhaften. Also der Wunsch Situationen, Menschen, Ideen und Dinge festzuhalten. Dazu gehört das Klammern an Menschen genauso wie sich von Wahrheiten abzulenken. Ich habe früher in Beziehungen immer sehr geklammert und war, generell aufs Leben bezogen, ein ziemlicher Kontrollfreak. Ich dachte, wenn ich mir die größtmögliche Mühe gebe und immer das richtige tue, wird alles klappen. Selbst wenn man immer das richtige tun könnte, hätte das nicht funktioniert. Das Leben hängt nie von einem alleine ab. Keine Beziehung hängt nur von zwei Menschen ab. Grundsteine für den eigenen Erfolg können von anderen gelegt werden. Fallen für eine Beziehung entstehen schon bevor man sich kennengelernt hat.

Alles ist vergänglich. Das ist eine Tatsache gegen die ich mich immer noch wehre. Jede Situation ist vergänglich, jeder Gegenstand ist es, jeder Mensch und jede Beziehung. Selbst wenn eine Freundschaft oder eine Liebe bis zum Tod hält, verändert sie sich genau wie die Menschen. Man empfindet nicht mehr so wie am Anfang, neben Schmetterlinge kommt ein tiefes Gefühl des Vertrauens. Irgendwann brennt vielleicht kein Feuer mehr, dafür ist es wie Sonnenschein, der einen wärmt, schützt und nährt. Aber Veränderung kann man nur akzeptieren, wenn man die Vergänglichkeit akzeptiert. Das Leben kann man nur akzeptieren, wenn man sich der Endlichkeit aller Dinge bewusst ist.

Wenn ich die Menschen auf der Straße sehe, merke ich, dass Veränderung gut ist. Stellen wir uns einmal vor, jede Situation würde ewig währen. Wir würden nicht mal von A nach B kommen. Wir würden immer Kinder sein, im gleichen Restaurant sitzen oder ewig streiten. Aber auch auf weniger extremer Ebene ist es gut, dass alles endet. Selbst das schönste Gespräch wird irgendwann langweilig. Würde nichts enden, würden wir uns auch nicht weiterentwickeln. Nicht nur die guten Dinge sind vergänglich, sondern auch die schlechten. Nach jeder Zeit, kommt eine andere. Schlechtes wird nicht unbedingt durch Gutes abgelöst, aber auch Schlechtes endet.

Eben deswegen ist Anhaften schädlich. Es produziert Leid, weil man sein Herz an Dinge heftet, die endlich sind. Aber was heißt das für den Alltag? Soll man immer gleich aufgeben? Für nichts kämpfen? Ich habe den richtigen Weg nicht gefunden. Aber natürlich soll man sich für Dinge und Menschen einsetzen. Das ist aber der schmale Grad. Für etwas arbeiten, aber nicht daran kleben. Ist man sich der Vergänglichkeit bewusst, werden auch Alltagssituationen zu etwas besonderen. Man kann vielleicht Ärger eher ziehen lassen, weil man eben weiß, dass es sowieso nicht ewig hält. Nur ohne Anhaftung kann man Achtsam sein. Wenn man immer nur an gestern festhält ist man genauso wenig im aktuellen Moment, wie wenn man nur an morgen denkt. Gestern ist vorbei. Morgen kommt erst noch und meistens anders als man denkt. Im jetzt werden Entscheidungen getroffen und im jetzt findet das Leben statt. Der Moment ist das einzig reale. Alles andere existiert nicht mehr oder noch nicht.

Was heißt das jetzt für mich? Ich versuche nicht anzuhaften und zu nehmen was kommt. Ich gehe von einer Situation zur nächsten und bleibe offen. Gleichzeitig lote ich aus, wie es um meine Gefühle für Sophie steht und ob ich nur anhafte oder wirklich etwas weiter versuchen möchte. Zu einer kleinen Erleuchtung im Alltag kam es schon durch die Trennung. Ich habe seit langem Angst, dass wir uns trennen. Angst, dass ich ohne sie nicht klar komme. Angst vor dem Schmerz. Angst wie der Alltag ohne sie aussieht. Ich wollte es immer behalten. Ich dachte, dass ich Angst vor dem Allein sein habe, wie früher. Als dann Schluß war habe ich gemerkt, dass alles Anhaften, alle Angst umsonst war. Natürlich bin ich traurig und natürlich wäre ich für einen neuen Versuch dabei. Aber ich hafte nicht. Das ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich etwas möchte und trotzdem nicht daran festhänge. Die ganze Angst ist verschwunden und durch Mitgefühl ersetzt worden, wie ich gestern geschrieben habe. Hätte ich so schon empfunden, als ich noch mit ihr zusammen war, hätte ich die Zeit besser genießen können. Ich mache mir keine Vorwürfe mehr, aber es ist interessant zu beobachten. Meine Angst war größer, als sie sein musste.

Allerdings bleibt eine Frage offen. Warum hafte ich so sehr an? Wovor habe ich Angst? Das ist die einzige Sache an mir, die mir bewusst ist und auf die ich keine Antwort habe. Wie gesagt, ich dachte immer, dass ich noch Angst habe vor dem allein sein. Aber das ist es nicht. Ich hafte ja auch an anderen Dingen und Situationen an. Am sichtbarsten ist das bei Spielen und Serien. Oft bringe ich beides nicht zuende, wenn ich es sehr mag. Ich behalte es lieber im ewigen Zustand des nicht-beendet-seins, als es abzuschließen. Anscheinend will ich schöne Dinge nicht beenden. Aber wovor habe ich wirklich Angst? Das weiß ich nicht und bis dahin werde ich wohl immer zu viel haften bleiben.

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