Eine Wutrede

Kaufen sie!

Kaufen sie!

Man könnte meinen auf einen geistig gesunden Menschen kommen mindestens sieben irrsinnige. Wenn nicht das Doppelte. Oder mehr. Ich fange langsam an die ganze klebrige, wabernde Dummheit persönlich zu nehmen. Fängt man einmal erst an durch den Sumpf zu wandern, wird man den Dreck auch gar nicht mehr los. Waschen zwecklos.

Bleiben wir erstmal beim wirklich persönlichen. Als Geisteswissenschaftler an der Uni versuchen einen Job zu bekommen ist ein großes Risiko. Das Geld ist knapp (zumindest wird so getan, dazu später), das Umfeld feindlich (jeder muss für sich selbst kämpfen) und der Bedarf an Arbeitskräften schwankt. Wenn man einen Job bekommt, ist er meistens befristet. Die Crux: Nach 12 Jahren Befristung darf man an keiner deutschen Universität mehr befristet angestellt sein. Das trifft sich in einem Feld, das auch von Projektarbeit lebt, besonders gut. Mit anderen Worten, ich komme mir inzwischen sehr dumm vor es überhaupt zu versuchen. Warum habe ich nichts richtiges gelernt wie BWL oder Bankkaufmann?

Um dem Abhilfe zu schaffen, habe ich mich mal umgesehen und mich überregional in der Wirtschaft beworben. Was leider bis jetzt auch nicht geklappt hat, was meine Bitterkeit erklären könnte. Ich hingegen ziehe vor meine Bitterkeit damit zu erklären, dass ich genervt davon bin was für Menschen Jobs und auch noch etwas zu sagen haben. Mit diesem Beitrag erreiche ich wahrscheinlich nur zwei Dinge, dass ich gar keinen Job mehr kriege und dass sich die falschen Leute beleidigt fühlen. Die Leute, die ich meine, sind viel zu merkbefreit, um noch beleidigt sein zu können.

Aber ernsthaft, es kann doch nicht sein, dass Bewerbungsgespräche in diversen Firmen dazu genutzt werden, um den Aggressionen freien Lauf zu lassen. Ich wurde direkt beleidigt, war damit aber in guter Gesellschaft, weil man offensichtlich von den Kollegen noch weniger hielt. In anderen Gesprächen wurde meine Kompetenz im unüblichen Maße hinterfragt, nur weil man sich für etwas besseres hielt („für richtige Themen sind sie wohl nicht geeignet“). Aber immerhin wieder nicht nur besser als ich, sondern besser als alle. Deswegen wurden auch sämtliche Kollegen immer unterbrochen, wenn sie mir eine Frage stellten und ich für dumm gehalten, weil ich antwortete. Aber auch ich selbst war ganz gemein und habe mit einer netten Begrüßung und einem versuchten (!) Händedruck viele Menschen ganz an den Rand ihrer sozialen Kontaktfreudigkeit gebracht. Gut, kurz danach hatte ich eine schwere Grippe. Sozialer Kontakt kann tödlich enden.

In einem Vorstellungsgespräch stellen sich beide Seiten vor. Der Eine bewirbt sich um das Andere. Jedenfalls wäre das in einer perfekten Welt so, wo man noch viel Auswahl hätte. Jetzt ist es eher so, dass man erstmal alles annimmt, um sich dann weiter zu bewerben. Wer würde sonst einen Job annehmen, wenn man beim ersten Kontakt beleidigt wird. Oder normale, professionelle Etikette Panik auslöst. Ich denke inzwischen, es werde keine neuen Arbeitsplätze geschaffen. Sondern freie Arbeitsplätze entstehen durch den Wahnsinn der Beteiligten.

Das ganze System ist doch im Arsch. Einerseits braucht man den einen perfekten Lebenslauf und wird wegen schlechter Schulnoten 15 Jahre später als Akademiker nicht mal mehr erfasst und vom Datenbank-Tool direkt in den Müll geworfen. Andererseits wird an vieler Stelle in Konzernen so viel Mist gebaut und nichts schlimmes passiert. Falls man doch mal mit einer Abfindung überredet wird sich einen neuen Job zu suchen, kann man anscheinend auch gleich den nächsten Konzern in den Dreck fahren, wie auch Karstadt anschaulich gezeigt hat. Das passiert im Großen, wie im Kleinen.

Dumm sein, inkompetent sein und vor allem dickfällig sein lohnt sich. Besonderes in Betrieben, die Veränderungen fürchten. Das sind die Leute die Stuttgart 21, die Elbphilharmonie oder den Berliner Flughafen zu verantworten haben. Oder, wieder im Kleinen, die Leute, die sich bei allen unbeliebt machen, nur um Recht zu haben. Und dann auch noch Recht kriegen, nur weil sie keiner mehr reden hören kann. Projekte wie S21 sind für die beteiligten durch Fehlplanungen und Verschleierungen viel rentabler geworden. Noch mal: Es lohnt sich seine Arbeit schlecht zu machen. Genau wie es einen weiter bringt allen in den Arsch zu kriechen als zu reflektieren und etwas zu verbessern. Wenn etwas verbessert wird, dann scheinheilig, wie mit der 12-Jahres-Regel, die den Nachwuchs natürlich nur schützt. Während dessen ist kein Geld da, um wichtige fest Stellen zu besetzen. Und die 12 Jahre treiben einen an den Rand der Existenz. Das Geld, das nicht da ist, sitz mit über 80 Millionen Euro übrigens auf einen Bankkonto und wartet, weil sich nicht entschieden werden kann, wofür man es ausgibt. Entscheidungen haben immer Zeit, wenn man bezahlt wird sie zu treffen. Dann ist auch keine Not am Mann.

Findet man wirklich den richtigen Mitarbeiter, wenn man ihn trotz passender Berufserfahrung, erfolgreichen Projekte und Auszeichnungen nicht zum Gespräch einlädt, weil er den falschen Studiengang hatte? Sollte man sich nicht selbst überzeugen und überzeugen lassen? Einerseits meckert die Wirtschaft berechtigt an den Studiengängen rum, andererseits nimmt man zu viel für bahre Münze und macht sich nicht die Mühe mal genauer nachzusehen. Zeit ist Geld. Die Wirtschaft will passende kleine Zahnrädchen in der Maschine, die die Uni normiert produziert und sortiert. Leider sind Menschen keine guten Zahnräder und Gott ein ziemlicher Grobmotoriker bei unserer Herstellung. Gerade die gut standardisierten Rädchen rasten bei der geringsten Unregelmäßigkeit aus. Aber das ist auch egal, wenn man als Firma groß genug ist, kann man die ganze Verschwendung und Inkompetenz in den internen Abläufen verschleiern bis man selbst nicht mehr weiß was los ist. So kommt auch Pferd in unsere Lasagne ohne, dass sich wahrscheinlich jemand gewundert hat, wie der Einkaufspreis des Fleisches so niedrig sein konnte. Ab und zu erwischt es mal einen, aber dann auch nicht hart genug. Middelhoff, der seinen Konzern in die Pleite fuhr, die Häuser verkaufte und durch seine Immobilienfirma an Karstadt weitervermietete, hat am Ende doch etwas abbekommen. Allerdings kriegen die Krisenmanager meistens direkt wieder einen Job, nichts haftet, die Umstände sind immer schuld.

Hauptsache man wird irgendwie too big too fail oder am Besten too big to prosecute, wie neue Trends zeigen. Wenn es danndoch mal soweit kommt und ein Konzern zu scheitern droht, ist er oft zu stur und rigide, um sich noch zu retten. Sony zum Beispiel fuhr dieses Jahr den vierten Verlust in Folge ein, immerhin um 5 Milliarden Euro. Nachdem sie die Fernseher-, Hi-Fi- und Gadgetsparten verloren hatten, haben sie in den letzten Jahren auch den Platzhirschstatus bei den Videospielen verloren. Irgendwie hat man vergessen, dass Konsolen auch Spiele brauchen und das Arbeitsspeicher ein sinnvoller Bestandteil einer Konsole ist. Heute Nacht wird die Playstation 4 angekündigt. Damit steht und fällt der Konzern. Verkauft sie sich nicht, dann ist es wohl relativ schnell vorbei mit Sony. Gerade die Innovative Konkurrenz von Valve & Co. muss Sony fürchten. Innovation setzt Sachverstand, Flexibilität und Kreativität voraus. Gaben, die in dummen Dickkopfzeiten nicht gefördert oder gewollt sind. Wäre schön, wenn sich das rächt. Oder sehe ich das zu  Eng und ist Sony keine Ausnahme sondern die Regel. Also rächt sich schlechtes Management am Ende doch? Und auch für die Manager selbst? Jedenfalls braucht es schon eine große Menge kontinuierlicher Fehlentscheidungen, um einen so etablierten Konzern in den Dreck zu fahren. Gute Entscheidung beim eingestellten Personal. Egal ob Sony, Karstadt oder kleine Unternehmen in der Nähe. Ich meine, dass etwas nicht stimmt. Fast überall wo ich Einblick hatte oder habe durch Familie und Bekannte scheint der Wahnsinn zu herrschen. Und der Wahnsinn hat System. Irgendwie scheint er ja auch belohnt zu werden. Wer ist nun verrückt?

 

Nachtrag: Mein Meckern hat etwas gebracht (was sollte auch sonst passiert sein) und Sony sieht inzwischen Anzeichen zwischen fehlenden Spielen für die Vita und den schlechten Verkäufen. Das fehlen der Spiele scheint wohl wirklich ein Grund dafür zu sein, dass eine Konsole nicht gekauft wird. Sachen gibt’s.

Noch ein Nachtrag: Klar ist das eine PR-Aktion aber großartig finde ich es trotzdem. http://youtu.be/j5Ftu3NbivE

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