Hätte wäre wenn

Raindrops ripple waterGeld war immer schon ein treibender Faktor in meinem Leben. Ich habe früh lernen müssen, dass es große Probleme machen kann. Wenn es fehlt und wenn es da ist. Die ersten Jahre an die ich mich genauer erinnern kann, hat es uns gefehlt. Bald darauf, hatte zumindest ich es im Überfluss. Jedenfalls für jemanden, der noch lernen musste, dass MacGyver-Frisuren out sind und Mädchen irgendwann viel interessanter aussehen, besonders ohne Zahnspangen. Diese Einsichten folgten aber später, allerdings nicht viel. Vorher erkannte ich aber, dass der Tod etwas Trauriges ist und etwas Tragisches wie Menschen damit umgehen können.

Nachdem meine Tante und mein Onkel gestorben waren kam die Erbschaft. Die Gier kam noch vorher. Ich hätte nie gedacht, wie wenig Zeit vergehen muss zwischen „Oh nein, sie sind tot?“ zu „Uhm… wer hat das Porzellan mitgenommen?“. Es ist praktisch wie ein Garagenverkauf ohne Preisschilder und jemanden, der aufpasst. Menschen, die im Testament stehen, nehmen was sie finden können, solange Leute, die nicht im Testament stehen etwas übrig gelassen haben. So kamen wir auch zum ersten „hätte“. Hätte unser Anwalt, den ich damals für eine haarlose Version des Weihnachtsmannes gehalten habe, die Frist nicht verpasst, wäre ich heute doppelt so vermögend wie jetzt. Ich versuche mir das nicht so oft vorzustellen. Mir geht es weniger darum, dass ich jetzt weniger Geld habe, sondern die Menschen das Geld haben, die keines haben sollten. Menschen, die meine Tante und Onkel faktisch enterbt hatten und nur durch einen Fehler im Testament etwas bekommen haben. Die so wenig Anstand hatten, dass es der Richter im Prozess förmlich zu Protokoll gegeben hat. Das wird nur noch von der US Abgeordneten geschlagen, die in den ewigen Aufzeichnungen der USA verewigt hat, dass ihre Tochter nur anruft, wenn sie Geld möchte.

Weiter ging es damals, dass ich einen Erbschaftsausgleich zahlen musste und dafür auch heute noch einen riesen Kredit am Hacken habe, der ein Hauptgrund dafür ist, dass schwarze Zahlen für mich schwer zu schreiben sind. Ich musste ihn auch nur aufnehmen, weil ein Familienmitglied Panik und Angst hatte, vor Dingen, die es nicht gab. Der Kredit war auch so eine Sache. Entweder habe ich mich damals als Minderjähriger übers Ohr hauen lassen oder einfach nur geirrt, aber letztes Jahr musste ich feststellen, dass der Kredit bei weitem nicht läuft, wie mir immer gesagt wurde. Das Problem bei solchen Sachen ist, dass man sie sich nicht unbedingt immer wieder anschaut und nicht merkt, was man da angestellt hat. Genau wie bei der Lebensversicherung, die für mich gemacht wurde und was sie war nichts mit dem zu tun hatte, was sie sein sollte. Wie viele andere habe ich auch in der Finanzkrise Geld verloren, ungefähr 1/5 des investierten Kapitals. Ich habe sehr früh den Stecker gezogen, was sich am Ende als gut herausgestellt hat. Das ist alles Geld was mir jetzt dringend fehlt. Geld, dem man vielleicht nachweint, aber letztendlich nur Geld.

Ich hänge nicht an Geld, jedenfalls solange ich noch genug habe, um (gutes) Essen zu kaufen und ein Bier trinken zu gehen. Ansprüche habe ich auf jeden Fall. Was mich aber wirklich stört, ist das Gefühl so viel Geld durch Andere verloren zu haben. Es fühlt sich an als versuchen Menschen mein Glück zu zerstören. Im Falle der Erbschaft stimmt das auch, zumindest teilweise. Es haben jetzt Leute das Geld, die keines bekommen sollten. Es verdienen jetzt Menschen an der Gutherzigkeit meiner verstorbenen Verwandten, die daran eigentlich nicht teilhaben sollten. Das stört mich viel mehr, als dass ich nun weniger Geld habe.

Gerade Geld versuchen wir zu planen. Es scheint berechenbar. Wir kriegen monatlich eine bestimmte Menge (oder gar nichts). Brot kostet so und so viel, Bier das und Butter dies. Dazu kommen noch Rentenpläne, Versicherungen, Sparkonten, Fonds und Krankenkassen. Wenn solche Engpässe wie jetzt entstehen, frage ich mich immer was ich besser gemacht haben könnte, um ihn zu verhindern.  Mehr sparen klingt oft nach einer guten Antwort. Allerdings möchte ich vor Sicherheit nicht das Leben vergessen. Ich freue mich zwar über mein Geld, allerdings hätte ich mich wohl mehr gefreut, wenn meine Tante und mein Onkel noch etwas mehr Spaß damit gehabt hätten. Bei allem vorsichtigen Sparen, bei aller bewussten Ernährung waren sie beide doch plötzlich und innerhalb kürzester Zeit tot.

Zwar sollte man immer sein Leben planen, allerdings ist es niemals planbar. Es kommt immer etwas dazwischen, es geschieht immer etwas Unerwartetes. So ist das auch mit Geld. Das Auto geht kaputt, die Katze muss zum Tierarzt und beim letzten Sturm ist das Dach verschwunden. Es ist offensichtlich hilfreich sich auf schlechte Zeiten vorzubereiten, aber das ganze Leben darf sich nicht um diese drehen. Es ist auch gut zu überlegen, wie man dort angekommen ist, wo es gerade so schlecht aussieht, um aus seinen Fehlern zu lernen – falls man welche gemacht hat. Allerdings hilft es nicht, sich nur und immer was, hätte, wäre, wenn, sollte – Fragen zu stellen. Fragt euch lieber: Und jetzt? Es geht weiter, es geht immer weiter – bis man nicht mehr in der Lage ist sich diese Frage zu stellen. Selbstverständlich ist man besorgt, dass Probleme wieder auftreten können. Aber seht euch an, ihr steht noch, ihr denkt noch nach, es geht weiter.

Man darf nicht zu sehr anhaften. Fehler, Menschen und Dinge muss man loslassen können, damit es weitergehen kann. Oft ist die Angst vor dem Verlust schlimmer als das Fehlen selbst und wenn nicht, macht es Angst nur noch schlimmer. Was wäre wenn – Fragen sind auch eine Art des Anhaftens. Wir klammern uns aus Angst vor dem Elend der Zukunft an der Vergangenheit fest. Damit verlieren wir aber die Gegenwart. Das hier und jetzt verschwindet hinter dem Morgen und Gestern.

Ich zum Beispiel hänge zwar nicht unbedingt an Geld, aber hafte an meinen Fehlern fest. Ich möchte besser werden, Dinge nicht mehrmals falsch machen und denke dann nur noch darüber nach, anstatt zu machen. Ich hafte nicht dem Geld an, sondern dem Fakt, dass ich es verloren habe, dass es mir andere genommen haben, egal ob die das nun beabsichtigt haben oder nicht. Das ist im Endeffekt nicht besser als am Geld selbst festzuhalten.

Hätte, wäre, wenn führt uns nicht weiter. Wir sind, wo wir sind, weil passiert ist, was passiert ist. Und von hier aus gehen wir weiter.

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