Von hier nach weg

Zwei Kerzen im DunkelnHier steh ich nun, sechs Monate nachdem ich meine wissenschaftliche Karriere angefangen. Karriere, das ist so ein Wort, das automatisch Erfolg vermittelt. Selbst eine gescheiterte Karriere klingt eher nach einem Unglück und danach, dass man zumindest vorher Erfolg hatte. Ich fühle mich nicht so, als hätte ich etwas Großes erreicht. In den letzten Monaten habe ich Fortschritte gemacht, aber der Durchbruch ist mir nicht gelungen. Soll ich mir jetzt sagen, dass es erst sechs Monate waren? Dass ich unmittelbar nach meinem Abschluss die Chance auf einen kleinen akademischen Job hatte? All das sind positive Aspekte, aber die Zeit für einen kleinen Zwischenstopp ist gekommen.

Die Zeit in der Uni als HiWi/WiMi/Donzenten-Eintopf hat mir viel gegeben. Ich habe in vielen Bereichen Erfahrungen gesammelt und gemerkt, dass ich kann, was ich da mache und besser werde, je mehr ich es tue. Mir fehlt noch viel Routine, aber ich habe gemerkt, dass ich eine Exkursion, sowieso Seminare planen und durchführen kann. Wenn auch mit Raum zur Verbesserung. Kurz gefasst: Es hat sich ganz viel auf persönlicher Ebene verbessert und verändert. Aber wirklich weiter gekommen bin ich nicht. Ich habe viele Talente, kann einiges und nicht viel richtig. Gerne sehe ich mich als ein Jack of all Trades. Aber dadurch bin ich auch schlecht formbar und kann mich oft nicht selbst im Zaum halten.

Ich bin ein Historiker, ein digitaler Humanist, ein Webscientist, ein Erinnerungskulturtheorethiker und ein Spielerforscher. Als Historiker, der sich mit elektronischen Medien auseinandersetzt, bin ich immer noch ein Sonderling. Als Erinnerungskulturtheorethiker, der diese auch gerne auf das Internet, passe ich in kein gern gesehenes Schema und die Spieleforschung nimmt sowieso keiner ernst. Vor allem, in Deutschland – so fühlt es sich zumindest an. Ich höre schon einen Chor von Leuten mitleidig auf einer Violine spielen und dabei „Ohh pooor you“ zu hauchen. Ich habe mir diese Richtung selbst ausgesucht. Ich stehe zu den Themen, bin gut in Ihnen, finde sie wichtig und denke, dass es uns als Menschheit mehr voran bringt, als wäre ich der nächste Sparkassen Angestellte oder BWL Student geworden.

Wenn man keine ausgetretenen Pfade geht, sondern sich selbst versucht einen Weg durch das Dickicht zu schlagen, weiß man noch viel weniger wo man am Ende wieder rauskommt. Vor allem fällt es anderen schwer Menschen einzuordnen, die durch das Raster fallen. Was anders ist, ist zwar nicht automatisch schlecht, aber mindestens unbequem,  da man sich Gedanken machen muss. Für Gedanken ist aber nicht immer Platz. Die Personalabteilung, die unter hunderten Bewerbungsschreiben erstickt, hat kaum Raum zu experimentieren. Das ist verständlich, aber falsch. Verschiedene Perspektiven  bereichern die Arbeit. Unterschiedliche Blickwinkel sind nicht wichtiger als fachliche Expertise, aber Ideeninzest dient nicht der Innovation.

Ich glaube daran, dass Geisteswissenschaften einen großen wirtschaftlichen Nutzen haben. Außer einem indirekten, durch die Ausbildung von Menschen und der Verbesserung gesellschaftlicher Probleme, gibt es auch direkte Anwendungsgebiete. Die Verbindung von Marketing und Sozialwissenschaften ist offensichtlich. Aber es gibt auch Schnittpunkte zwischen Informatik und Geschichte. Zwischen Soziologie und Anwendungsentwicklung. Betrachten wir die erinnerungskulturelle Forschung, die sich damit beschäftig, wie Informationen wahrgenommen, verstanden und weitergegeben werden. Dort ergeben sich unterstützende Punkte für die Gebiete Werbung und Webscience, um nur mal zwei zu nennen. Informatik verarbeitet Wissen, die Geschichtswissenschaft analysiert und verwaltet es. Egal ob man eine Botschaft im Internet verbreiten will oder den kulturellen Einfluss des digitalen Wandels untersucht, hier hat die Geschichtswissenschaft Dinge beizutragen. Hier habe ich Dinge beizutragen. Genauso der Bereich Gamestudies, der sich mit der Analyse und Wirkung von Spielen beschäftigt. Ihr Spiel möchte eine bestimmte Atmosphäre aufbauen, sich komplex Anfühlen und vom Spieler so wahrgenommen werden, wie sie gemeint ist. Ich hätte da ein paar Vorschläge. Usability spielt in der Informatik eine wichtige, aber vernachlässigte Rolle. Wie wird die beste Erfahrung für den Nutzer geschaffen? Ich kann dazu Lösungsansätze aus den Gamestudies liefern. Falls sie jetzt denken, dass man jedes Programm damit zwangsläufig zu Angry Birds macht, haben sie noch mehr Grund sich bei mir zu melden.

Ich habe viele neue Ideen, die alle auf altem Wissen und Innovation beruhen. Kann ich damit garantiert alles besser machen? Wohl kaum, aber je besser ich werde, je mehr Chance ich habe zu testen, zu lernen und zu schaffen, desto besser werden auch meine Ideen. Ich denke schon, dass ich damit einen nicht allzu geringen wirtschaftlichen Wert habe. Und das als Geisteswissenschaftler.

Sofern jetzt nicht durch Zauberhand die Arbeitsplatzangebote in meine Mailbox flattern, muss ich aber sehen, wie ich weiter machen. Ich gebe das Ziel der wissenschaftlichen Karriere nicht auf. Es muss doch möglich sein, sich irgendwo einbringen zu können. Außerdem will ich mich ständig weiterentwickeln, also werde ich eine kleine Geschichte schreiben und gucken, ob die jemand kaufen will. Ich weiß nicht, ob ich ein Talent für Belletristik habe, aber mir wird immer wieder gesagt, ich soll es doch mal versuchen. Wenn man nichts versucht, passiert auch nichts und Ideen zum Schreiben habe ich genug. Mir fallen immer wieder Fetzen für Geschichten ein und die müssen auch mal raus, sonst werde ich noch Stück für Stück wahnsinnig. Ansonsten heißt das nächste Ziel: Doktorarbeit.

Ich denke es ist das Richtige für seine Überzeugung einzustehen. Allerdings macht das selten satt und ich möchte irgendwann nicht mehr Leben, wie ein Student. Wann meine Grenze erreicht ist, weiß ich nicht. Es hängt stark von diesem Jahr ab und eher von den nächsten Monaten. Außerdem fehlen mir manchmal die Sicherheit und der Rückhalt. Wann ich mal gehört habe, dass jemand stolz auf mich ist oder ich etwas richtig gut gemacht hab, kann ich an einer Hand abzählen. Aber in meinem Leben gebe ich die Richtung vor und sollte deshalb nicht so angewiesen auf die Bestätigung anderer sein.  Ich möchte vorankommen, besser werden und wenn schon nichts anderes, dann mindestens mich selbst bewegen. Das Leben ist zu kurz für alles, das ich lernen und verstehen will. Und auch zu kurz dafür das Leben anderer nachzuahmen. Wo ich lande? Keine Ahnung. Immer wird erwartet, dass man sein Leben durchplant, schon mit 10 auf der richtigen Schule ist, damit man mit 24 nach dem Studium im richtigen Job ist. Aber das Leben ist immer im dicksten Nebel und wir bewegen uns nur auf Sicht. Wir orientieren uns von einem Punkt zum nächsten, immer soweit wir sehen können. Wo wir wirklich ankommen, was wir unterwegs finden und wie es dort aussieht, sehen wir erst am Ende.

5 Kommentare

  1. Sehr schöner philosophischer Schluss. Und so richtig! Btw, jaaaa, mach Belletristik, ich glaub, das kannst du gut. 🙂

  2. Hey du solltest dich definitiv mal mit Belletristik versuchen ich opfer mich gerne als Probeleser und Kritiker 😉 Als Lektor bin ich allerdings nicht zu gebrauchen #gg#

    Ach und wer nichts wird, wird Wirt! Oder Autor………..

  3. Noch viel lernen du musst junger Padawan! also fang an zu schreiben …. 😉

    Try not! Do or not. There is no try. frei nach Yoda 😉

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