Über Gauck und die Welt

Ein Turm mit WolkenDa ich in meinem eigenen Universum natürlich wichtig bin und mich schon mehrere Leute gefragt haben, wie ich denn zum Thema Gauck stehe, setze ich mich hier mal kurz damit auseinander. Für einen ausgefeilten Artikel mit Belegen und Referenzen habe ich leider gerade keine Zeit, trotzdem hoffe ich, dass hier ein wenig Inhalt für euch geboten wird.

Joachim Gauck war für mich bei der letzten Nominierung des Bundespräsidenten die beste Wahl. Im Gegensatz zu Wulff schien er Charakter zu haben und damit auch mehr zu sein als eine Marionette. Inzwischen hat sich Wulff  beim Spielen in seinen Seilschaften verheddert und selbst erhängt. Jetzt ist Gauck wieder im Gespräch und wird mit aller Wahrscheinlichkeit unser neuer Bundespräsident werden. Einerseits ist er wesentlich besser als unser Interimspräsident Seehofer, andererseits bin ich alles andere als glücklich. Den Joachim Gauck den ich früher in ihm gesehen habe, gibt es heute nicht mehr. An der Stelle des Verteidigers der Demokratie steht für mich heute ein antiquierter, verbitterter Mann. Wie kam es dazu?

2010 war Gauck für mich durch seine Arbeit bei der „Stasi-Unterlagen-Behörde“ ein Begriff, seine Initiative „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ verstärkte den Eindruck eines aufrichtigen Demokraten. Aber gerade in den letzten zwölf Monaten wandelte sich das Bild stark, da meine Ansichten von seinen stark abweichen. Gauck betitelte die Kapitalismusdebatte durch die Occupy Wallstreet Bewegung als unsäglich albern. Gut, vielleicht sieht er weniger die Aussage, sondern das vielleicht als Laienhaft zu beschreibende Auftreten der Protestanten oder die dort durchaus vorhandenen Hippies, die gar nicht mehr so richtig auf diesem Planeten zu sein scheinen. Vielleicht ist das nicht seine Art Protest und er kann dabei nicht auf die grundlegende Botschaft schauen. Allerdings widerspricht er dieser Annahme selbst. Denn Sarrazins Aussagen fand er mutig und lobte seine offene Sprache, selbst wenn er nicht vollkommen seiner Meinung ist. Also kann er das ganze abstrakter betrachten. Findet er also Protest albern, wenn es seinen Ansichten widerspricht?

Darüber hinaus redet er auch immer wieder über Innenpolitische Themen. Zum einen scheint er als ehemaliger Verwalter der Stasi-Akten keine Gefahren in der Vorratsdatenspeicherung zu sehen, während er sich gegen die Tätigkeit von Wikileaks wendet.  Zu seinen Lieblingsfeindbildern gehört die LINKE, er sprich sich wiederholt für eine Überwachung durch den Verfassungsschutz aus. Aber wie steht er denn zur NPD?

Alles in allem hat sich durch diese Beispiele mein Bild von Gauck geändert. Für mich ist er kein Freiheitskämpfer mehr, sondern ein verbitterter Veteran. Gauck scheint durch seine Zeit in der DDR gezeichnet und kann auch jetzt nicht von der LINKEn lassen. Als Demokrat müsste er Proteste als Ausdruck des Volkes befürworten, macht sich aber darüber lustig, wenn es nicht seine Meinung wiederspiegelt. Er schützt den Kapitalismus, vielleicht weil er das Gegenmodel zum System der DDR ist. Gauck ist kein demokratischer Patriot sondern ein Kämpfer gegen die DDR. Der Kampf wird mit allen Mitteln geführt, nicht nur mit demokratischen. Wie ein traumatisierter Kriegsveteran scheint er nicht zu merken, dass der Kampf vorbei ist, genau wie die DDR. Natürlich ist Linksextremismus genauso eine Gefahr, wie Rechtsextremismus, allerdings hilft es nicht an einem alten Weltbild festzuhalten und Phantome zu sehen.

Wenn Gauck der Mann ist für den ich ihn mal gehalten habe, wird er öffentlich zur Diskussion Stellung nehmen.

Nachtrag:

Ich habe gerade gesehen, dass bei der Sueddeutschen ein neuer Artikel erschienen ist. Dort schreibt Frau Haimerl, dass Gaucks Aussagen auf den Erfahrungen mit der DDR basieren und kommt zum Ergebnis, dass:

Es ist gerade seine Vergangenheit, das Erleben eines diktatorischen Systems kommunistischer Prägung, das Gauck moralische Kompetenz verleiht.

Dem Stimme ich nicht zu. Als Bundespräsident muss man kompromissfähig sein und Probleme aus vielen Winkeln betrachten können. Wenn man durch eine Erfahrung, wie ich es auch beschrieben habe, extrem geprägt ist, verliert man die Perspektive. Das ist so wie einen Akrophobiker als Bergführer zu nehmen.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: