Gegen Windmühlen mit pipa in den Augen

Schmollende Sophie

I can haz no kandy?

Gestern erlangte Ansgar Heveling im Internet einen gewissen Grad der Berühmtheit. Der Jurist, der weder als Urheberrechtler  des Rechtsausschusses im Bundestag, noch als Mitglieder Enquete-Kommission Internet bisher groß im Mittelpunkt stand, ist jetzt mit seinem Beitrag Thema vieler netzpolitischer Schlagzeilen. Wobei “Schlagzeilen” durchaus bildlich zu verstehen ist, denn die meisten versuchen ihn irgendwo zu treffen. Heute ist der Tag danach. #Hevelingfacts wurden auf Twitter gesammelt, seine Seite gehackt, gespottet und gelacht. Doch was bleibt? Entweder tritt er nach und es erscheint noch ein Pro-Heveling Artikel in einer Welt.de-Kolumne oder es wird ganz schnell wieder still um den Abgeordneten aus Wahlkreis 111.

Was ist passiert? Ansgar Heveling (CDU) prophetzeit das Ende des Web 2.0 und der damit verbundenen “verlorenen” Generation. Er schreibt “Es lohnt sich, unsere bürgerliche Gesellschaft auch im Netz zu verteidigen!” und übersieht in seinem möchtegern geekigen Text, dass auch das Digitale zur bürgerlichen Gesellschaft gehört. Dabei stellt er fest, dass wir netzaffinen Menschen uns in einem Herr der Ringe ähnlichen Kampf gegen das Böse sehen und die klassische Gesellschaft mit Mordor gleichsetzen. Auf diesem Weg wird aber unser digitales Blut vergossen werden. Er beschwört den Geist der französischen Revolution herauf, durch den die Bürger sich Wohlstand erarbeiten konnten. Wobei er geistiges Eigentum mit Geldwerten gleichzusetzen scheint und damit der französischen Revolution einen ungeahnten kapitalistischen Charakter gibt. Die Menschen sollen sich gegen die digitale Revolution wehren, bevor nur noch Trümmer von der Zivilisation übrig sind.

Was Don Quijote zu einem liebenswert-tragischen Helden macht, ist hier nur noch traurig. Auch wenn Heveling wieder aus dem Fokus der Aufmerksamkeit verschwindet, löst er sich nicht in (heißer) Luft auf. Er ist weiterhin Mitglied des Bundestages und zwei wichtiger Internet relevanter Gremien. Dort wird er weiterhin mit PIPA in den Augen vorerst gescheiterten US Gesetzesinitiativen wie SOPA nachtrauern. Ich denke nicht, dass er der einzige mit dieser Einstellung ist und diese Menschen formen unser digitales Kulturmedium mit. Das ist einer der großen Unterschiede zu den Vereinigten Staaten. Dort hat man erkannt, dass das Internet zur Gesellschaft gehört. Man ist sich der Wichtigkeit bewusst und so kämpfen Politik, Gesellschaft und Wirtschaft um die Kontrolle des Netzes. Hier wird der Kampf oft noch mit Heugabeln und Fackeln ausgetragen. Es ist ein Kampf der von Angst und Panik genährt wird, als wären wir auf dem Niveau von Heinrich Kramer stehengeblieben. Selbst die Wirtschaftsverbände, wie die GEMA, sehen das Internet mehr als Feind und nicht als Einnahmequelle, was wohl dazu führt, dass wir in absehbarer Zeit eher kein Hulu-Äquivalent haben werden. Wir erzählen lieber, dass jeder, der gegen ein mögliches Zensurgesetz vorgeht Kinderschänder ist – oder noch schlimmer: Raubkopierer.

Was Heveling aber sehr schön demonstriert hat, ist wie Geschichte als Legitimation für eine Meinung dient. Er sieht seinen Protest gegen die digitalen Demonstranten im Geiste der Französischen Revolution während wir im Geiste der Popkultur stehen. Wenn man die Revolution als Kampf um das Geistige Eigentum darstellt, weint irgendwo ein Staatstheoretiker, vielleicht auch ein Historiker, wenn er den Beitrag überhaupt mitbekommt. Geschichte überdauert und wehrt sich nicht. An Heveling wird die Erinnerung schneller schwinden als an die Französische Revolution. Trotzdem wird Geschichte immer genutzt werden, um seiner Perspektive durch Tradition eine Basis zu verschaffen. Wo sind die Historiker, die für eine Richtigstellung sorgen könnten, auch ohne auf Regale voller Bücher zu weisen. Historiker können für eine Vermittlung von Geschichte sorgen. Der Frage, ob das zu den Aufgaben von Historikern gehört, folgt die Frage danach wer es sonst tun soll. Allzu gern beschweren wir uns über die Darstellungen von Laien und begründen unser Schweigen damit, dass wir sowieso missverstanden werden.  Also noch ein Mal: Wenn nicht wir, wer dann?

3 Kommentare

  1. Der Mann braucht sein (Schul-)Geschichtswissen offensichtlich wie fast alle Politiker: um die eigene kleine Welt schön übersichtlich zu halten.

    in meinem Blog habe ich dazu ausführlicher Stellung genommen -> http://www.herraermels.blogspot.com

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