Das Geld der Anderen

Wer von euch macht gemeinnützige Arbeit? Oder niedrig bezahlte Arbeit für einen sozialen Zweck? Wenige bis gar keine, denke ich, ohne jemanden bleidigen zu wollen. Dabei sind wir generell ein tüchtiges, auf die Arbeit stolzes Volk. Vielleicht liegt es daran, was Arbeit beschreibt. Arbeit ist in erster Linie was Geld bringt. Gemeinnützige Arbeit fällt zumindest aus dieser Definition raus, auch wenn man natürlich arbeitet. Bleiben wir kurz bei dieser viel zu engen Definition von Arbeit. Hier arbeitet man zwar nicht gemeinnützig, aber zum Nutzen eines Anderen. Ob Abteilungsleiter oder Geschäftsführer, alle profitieren indirekt von der Angestellten und die Angestellten natürlich auch von ihrer. Eben darum geht es ja, man selbst verkauft seine Arbeitskraft und erhält dafür den Lohn.

Trotzdem hat der alltägliche Arbeitsplatz einen sozialen Charakter. Da man inzwischen mehr gibt als man bekommt. Ein Arbeitsvertrag ist für mich ein Vertrag zwischen zwei Parteien, die beide diesen Vertrag respektieren müssen. Aber dieser Respekt ist oft nur einseitig, da man gerne auf die Arbeitsmarktsituation und Hartz IV verwiesen wird, wenn man mal aus der Reihe schlägt. Andererseits werden Überstunden vorrausgesetzt, sogar einkalkuliert, aber nicht bezahlt. Meine Abneigung richtet sich nicht dagegen mehr zu arbeiten, sondern jemandem etwas zu schenken, der einem selten etwas schenkt. Ein Blumenstrauß oder eine Flasche Sekt ist etwas schönes, aber wie viele Blumen könnte man sich kaufen, wenn die 50 Überstunden innerhalb eines Projektes gezahlt worden wären? Zu der Verbesserung der Situation tragen dann auch keine Fragen, wie „Warum liegt ihr Mutter ausgerechnet jetzt im Sterben?“ oder „Warum waren sie krank?“ bei. Oft wird darauf eingeschworen, dass man sich in der schwierigen Lage zusammenreißen muss und das Beste für die Firma geben soll. Man muss guten Willen beweisen. Aber dabei vergessen anscheinend viele Geschäftsführer, dass es sich um ihre Firma handelt und nicht um unsere. Und guten Willen erfährt man auch nicht selbst, wenn jemand entlassen wird, um 40.000€ im Jahr zu sparen, die Firma aber viele Millionen Gewinne macht und der Vorstand sich gerade das Gehalt erhöht hat.

Andererseits kann man sagen, dass leitende Angestellte und Geschäftsführer mehr verdienen müssen, weil sie auch die ganze Verantwortung tragen. Das stimmt natürlich und ich finde es nicht schlimm, wenn irgendwer mehrere hunderttausend Euro im Jahr verdient. Es muss nur in Relation zum Betrieb und den Bilanzen stehen. Vor allem tragen sie zwar das Risiko die Firma in den Sand zu setzen, kriegen dann aber komischerweise immer wieder einen Job in der Führungsetage, um etwas neues in den Sand zu setzen. Das hat schon der Fall Middelhoff gezeigt. Wobei es natürlich eine geniale Idee von ihm war, dass Karstadt seine Häuser verkaufen muss und nur noch mietet. Ganz zufällig bei einer Firma bei der er Teilhaber ist. Aber das ist auch mein Problem an der Sache. Selbst die leitenden Angestellten einer Firma agieren oft kurzsichtig und nur auf den eigenen Vorteil aus. Also nicht im Sinne des Vertrages für den sie ihr Gehalt bekommen. Wer bekommt es denn ab, wenn etwas schief geht? Zumindest wird Unten mit dem Entlassen angefangen.

Bevor mir hier wer einen Rauschebart ankleben will, ich bin Kapitalist und hätte gerne eine soziale Marktwirtschaft wieder. Für mich ist einer der kapitalistischen Grundsätze, dass ein gutes Produkt (also auch geliehene Arbeitskraft) entsprechend bezahlt wird. Vor allem aber auch, dass man die Konsequenzen trägt, wenn man etwas in den Sand setzt. Falls das nicht passiert, kann kein Auswahlprozess stattfinden bei dem die besten Produkte übrig bleiben. Nun jetzt hat man bei der Bankenkrise gesehen, dass die Politik da hilft, wo Geld ist. Und die Banken zwar das Geld zurückzahlen mussten, was sie sich geliehen haben, aber nicht den wirtschaftlichen Schaden, den sie angerichtet haben. Deshalb stimmen die Energieversorger nun auch einen Trauergesang an. In der Hoffnung Druck auf den Staat auszuüben und damit wirtschaftliche Vorteile zu bekommen. Und genau das ist der eigentliche Fehler. Mit zunehmender wirtschaftlicher Macht gelang es den Firmen das System zu verändern, den Rahmen indem sie arbeiten. Sie können die Regeln des Kapitalismus nach ihren Wünschen anpassen. Damit wurde das System fehlerhaft und verschob sich immer mehr zu Gunsten der politisch mächtigen Firmen. Das Problem ist, dass auch die Wünsche der Firmen kurzsichtig sind. Durch die schrumpfende Mittelklasse sinkt die Kaufkraft, die staatlichen Einnahmen und das Wirtschaftswachstum. Irgendwann trocknet der Geldfluß aus.

Wo wir heute stehen, erinnert an die Vergangenheit. Wir leben in einer Zeit in der wir oder viele von uns von einer demokratisch losgelösten sozialen Schicht regiert werden. Zumindest in Teilen. Wenn Arbeitgeber die Gesetze für Arbeitnehmer mitbestimmen oder Banken den Plan zur Börsenaufsicht, sind die Ergebnisse vorhersehbar. Es gibt wieder eine Art Aristokratie, aber im Sinne von herrschenden Adligen. Die Strukturen sind starr und undurchlässig. Natürlich kann man sich zum Abteilungsleiter hocharbeiten, auch wesentlich weiter. Nur es gibt Türen, die sich nur öffnen, wenn man aus dem richtigen Haus kommt.

Aber die Mittelklasse ist auch selbst daran schuld, dass sie langsam ausstirbt. Wir picken uns gegenseitig die Augen aus, flüchten uns in Fremdenhass oder fügen uns brav dem Schicksal hauptsächlich für den Reichtum eines anderen zu arbeiten. Dabei leben wir immer noch in einem demokratischen Staat und es ließe sich sicher etwas ändern, auch wenn viele Parteien natürlich der Wirtschaft aus der Hand fressen. Es ist ja auch nicht so, dass es keine alternativen geben würde. Beispielsweise errechnet die New Economics Foundation seit vielen Jahren den sozialen Wert eines Jobs. Damit ist nicht gemeint, der sein Leben lang Leuten über die Straße hilft an ganz netter Typ ist und viel Geld bekommen sollte, sondern ein wirklicher monitärer Gegenwert. Beispielsweise was Lehrer der Wirtschaft bringen durch die Ausbildung der Kinder. Was Krankenschwestern durch die Pflege und genesung der Menschen beitragen usw. Es wird nach komplexen Zusammenhängen gefragt und versucht den wirtschaftlichen Nutzen zu errechnen. Ich denke, dass das ein interessanter Ansatz ist. Besonders weil wir (in der ersten Welt) inzwischen in einer reichen Welt leben. Es könnte uns auch darum gehen, dass es nicht nur uns selbst, sondern auch anderen gut geht. Ich will niemanden arm machen, ich denke nur manchmal, dass man keine 200 Millionen Euro besitzen muss und 100 vielleicht auch reichen, wenn man dafür zumindest in einer angenehmeren Welt lebt.

Aber das lässt sich schwer über Gesetze oder Systeme regeln, sondern nur über die Menschen selbst. Die Mittelklasse könnte jedenfalls auch demokratisch etwas tun, sich nicht alles gefallen lassen, für die Rechte einstehen. Aber für jeden der sich beschwert, gibt es immer drei, die alles mitmachen. Andererseits wissen wir auch, wie das letztes Mal mit dem Adel geendet hat. Es müsste doch möglich sein, mal etwas zu verbessern. Es gibt auch Ansätze wie die von Jane McGonagle, die das Arbeiten in einem Unternehmen optimieren und besser für alle beteiligten machen. Das hat schon gut bei HP oder IBM geklappt. Abteilungsleiter können auch anders Herrschen als durch Druck und Angst und ohne dass sie so tun müssten als wären sie dein bester Freund. Sich durch Druck durchzusetzen ist zwar die einfachste Methode, aber nicht unbedingt die Beste und als leitender Angestellter ist man eigentlich in der Position das Beste für die Firma zu machen und nicht das einfachste für sich selbst. Viele werden sagen, dass sie kein Zeit für so einen Scheiß haben, aber dann ist auch schon wieder strukturell in der Firma etwas falsch. Es scheint als wäre meist alles so verworren, dass man sich vor Fallstricken nicht mehr bewegen kann und auch nicht mehr weit durch das Dickicht sieht. Aber das ist auch schon wieder ein struktureller Fehler und damit auch keine Ausrede.

Es ist vieles möglich, das geändert werden kann, nur steht das nicht im Fokus der Firmen. Natürlich wollen sie hauptsächlich Geld machen, dazu sind sie immerhin da. Man muss aber als Angestellter auch nicht alles mit machen. Man muss aber als Bürger nicht allen wirtschaftlichen Entscheidungen zustimmen.

Angst treibt uns voran @ SPON

 

2 Kommentare

  1. Sehr interessanter Artikel, gute Gedanken. Nur streich doch bitte beim Satz „Selbst die leitenden Angestellten einer Firma agieren oft kurzsichtig und nur auf den eigenen Vorteil aus.“ das „oft“. 😉
    Bei diesem Thema denke ich immer an den Film „Capitalism: A Love Story“ von Michael Moore (http://www.imdb.com/title/tt1232207/) denken. Woran ich immer noch verwundert oder fast verzaubert denken muss, ist die Firma Alvarado Street Bakery. Die Firma gehört den Angestellten zu gleichen Teilen. Jeder wird gleich bezahlt, egal, welche Stellung er einnimmt. Klar, das hört sich schon ein Stück weit mehr nach Sozialismus an, wenn nicht der Fakt steht, dass die Firma den Angestellten gehört. Dadurch, dass jeder fair und gleich behandelt wird, so ihr Claim, erreichen sie die höchste Qualität. Faszinierend, so was sollte es viel öfter geben!

  2. Ich denke das was einen manchmal wütend macht ist nicht, dass es andere besser haben als man selbst oder auch nicht unbedingt, dass Menschen ausgenutzt werden. Sondern vielmehr, dass es kein Korrektiv gibt. Je größer die Firma, desto mehr darf sie. Recht entsteht durch wirtschaftliche Macht und das schlimmste ist, diese Macht verlieren sie nicht mal, wenn sie wirtschaftlich dumm agieren.
    Kapitalismus macht die gleiche Transformation durch wie Darwins Theorie. Es ist nicht mehr Survival of the strongest, sondern Surival of the fittest. Und das angepassteste Unternehmen ist das, das sich seine wirtschaftliche Macht mit politischer Macht absichert und umgekehrt.
    Dabei fällt mir auf, das könnte aus den Lehren unseres marxistischen, russischen Tierarztes stammen. Geld ist nicht wichtig, sondern nur Mittel zum Zweck. Das Ziel muss Machterhalt sein, damit kommt auch der Rest. Unternehmen wie Exxon oder die Deutsche Bank scheinen das beherzigt zu haben ;).

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  1. Es geht auch anders – Eine kapitalistische Alternative | ashe's dream - [...] Weitere interessante Gedanken zu diesem Thema gibt es von ChaosPhoenix hier auf: http://www.wahn-der-gedanken.de/2011/06/29/das-leben-der-anderen/ [...]

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