Das soziale Brett vor dem Kopf

Schon mal vorweg, der Artikel wird im Verlauf unwissenschaftlicher, also keine Angst ;-). Im Rahmen meiner Prüfungsvorbereitung beschäftige ich mich mit der Quellenkritik von Internetquellen. Bei der Diskussion des Themas ist mir eines aufgefallen. Es wird festgestellt, dass man bei Internetquellen zwischen privaten/ kommerziellen Quellen und wissenschaftlichen Quellen unterscheiden soll.1 Dem Gedanken liegt natürlich zugrunde, dass private und kommerzielle Texte nicht den wissenschaftlichen Standards entsprechen können. Sie können subjektiv sein, methodisch unzureichend oder mit einer bestimmten Intention geschrieben worden sein. Dem stimme ich vollkommen zu. Aber die Betonung der Vorsicht bei unwissenschaftlichen Quellen klingt im Umkehrschluß wie eine Heiligsprechung der wissenschaftlichen Quellen. Der Eindruck wird noch verstärkt, da geschrieben wird, dass die Quellenkritik anzuwenden ist, wenn die Quelle nicht aus einer wissenschaftlichen Sammlung stammt.2 Dabei ist immer kritisch mit Quellen umzugehen. Auch Wissenschaftler machen Fehler und alles ist mit einer gesunden Skepsis zu betrachten. Das zeigt, was wohl bekannt ist, nämlich dass Gewohnheit fahrlässig macht. Das Neue, in diesem Fall das Internet, betrachten wir sehr genau und gehen hart mit ihm ins Gericht. Das Gewohnte, also traditionelle Medien, erscheint dabei nicht so schlimm. Vielleicht auch nur, weil wir uns lange keine intensiven Gedanken mehr darüber gemacht haben. Das gilt nicht nur für die Wissenschaft. Wie nehmen wir alle, also Du und ich – und der dadrüben, Informationen wahr?

Das bestimmende Medium für den größten Teil der Gesellschaft ist das Fernsehen. Das wichtigste Medium für den einzelnen ist man selbst. Um das noch etwas zu erklären, werfe ich mal Maurice Halbwachs in den Raum. Was erstens gemein und zweitens ekelig ist, weil er vor gut 60 Jahren auf tragische Weise gestorben ist. Halbwachs hat Folgendes festgestellt. Wir verstehen Dinge indem wir sie mit anderen Vergleichen. Weil wir nicht jedes Ding selbst verstehen können, nehmen wir dazu auch das Wissen von anderen Menschen. Dazu lesen wir Bücher, gehen in die Schule, hören vom besten Freund warum seine Alte Lebensabschnittgefährtin so eine blöde Kuh wertvolle Person ist oder lernen aus den Fehlern anderer. Wir saugen ständig alles auf, packen es in Schubladen, die uns erleichtern neues Wissen zu verarbeiten. Im Endeffekt bedeutet das, dass wir nicht aus unser Haut können. Aber auch, dass die Gesellschaft das nicht kann. Wir sind alles Gewohnheitstiere und forcieren diese Gewohnheit auch. Gewohnheit macht das Leben möglich. Stellt euch vor, wir würden jeden fremden Menschen immer genaustens untersuchen. Jedes Auto, jedes Haus – alles was wir ständig wahrnehmen. Die meisten von uns würden dann wohl nie den Weg zur Arbeit hinter sich bringen.

Gewohnheit und Schubladendenken sind zum Überleben notwendig. Aber sie sind auch gefährlich. Die Erwartungen an sich und andere hängen genauso von diesen Schubladen ab, wie das Wahlverhalten und Ethik. Entscheidungen für das eigene Leben und Entscheidungen für die Zukunft aller Menschen. In der globalisierten Welt hat man Zugriff auf einen unvorstellbaren Schatz an Informationen. Vieles davon hat zwar mit Penisvergrößerungen und Justin Bieber zu tun, aber es finden sich durchaus Dinge mit einem hohen Nährwert. Es ist mit einem niedrigen Aufwand möglich viel zu wissen. Viel mehr als jemals möglich war. Das heißt aber nicht, dass wir alles verstehen. Im Gegenteil: Wir stützen uns oft auf die Meinungen von Experten. Welchen wir davon vertrauen hängt nicht von dem realen Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen ab, sondern wie sehr sie unseren Schubladen entsprechen. Jedenfalls bis uns jemand beweisen kann, dass eine Schublade kaputt ist. Andere Experten spielen mit unseren Erwartungen, um ihre Interessen durchzusetzen. Es ist kein Wunder, dass in einer so unübersichtlichen, orientierungslosen Zeit die Rechtspopulisten so großen Erfolg haben. Sie bieten praktische Schubladen in die Dinge zu passen scheinen, die uns sonst vor den Kopf gestoßen haben.

Aber ein großer Lieferant von Schubladen ist die Werbung. Keiner glaubt so richtig, was die Werbung sagt. Die wenigsten glauben bei der Axe Werbung, dass wirklich eine Sintflut von Frauen aus dem Nichts erscheint, wenn man das Deo benutzt und Denjenigen, die es glauben, wäre auch mit so einem Deo nicht mehr zu helfen. Wichtig ist, dass Axe als Marke in Erinnung bleibt. Am besten verknüpft mit etwas positiven, wie in diesem Fall: Brüsten.3 Damit hat sich Axe einen Platz in einer unserer Schubladen gesichert und zukünftige Deos oder Werbung (oder eine Unendlichkeit anderer Dinge) greifen bei der Wahrnehmung zurück auf das Wissen über Axe. Selbst wenn wir das nicht bewußt tun, wir nehmen alles durch einen Filter war, der von alten Erfahrungen bestimmt wurde. Mit dem Thema Werbung und manipulation von sozialen Rahmen kennt sich Ashe ganz wunderbar aus, vielleicht auch mehr, als sie selbst denkt. Vielleicht kann sie ja dazu etwas sagen ;-).

Wie viele meiner Texte wird auch dieser immer länger und er hat keine richtige Message. Also versuche ich dem ganzen noch mal einen Sinn zu geben. Ich habe knapp umrissen, wie wir Dinge wahrnehmen. Kurz gesagt machen wir es uns einfach. Wir versuchen nicht erneut nachzudenken, sondern einfach das vorhandene Wissen zu übernehmen. Das ist natürlich dumm, weil man nichts wirklich neues lernt und vielleicht Dinge falsch wahr nimmt, die der gewohnheit Widersprechen. Was will ich nun? Dass man sorgfältig dabei ist entscheidungen zu treffen. War Bin Ladens Tod gut? Ist es verwerflich, dass die Amerika auf dem Times Square stundenlang „USA! USA!“ schreien? Ist Guido Westerwelle eine Sissy? Versucht einfach mal über euren eigenen Tellerrand zu schauen. Danach ändert ihr nicht zwangsläufig eure Meinung, aber versteht vielleicht besser warum ihr so denkt. Ihr findet bessere Argumente, bessere Schubladen. Es heißt: Ich denke also bin ich. Ein großer Teil davon ist: Ich sortiere also verstehe ich. Sollten wir nicht so gut wie möglich sortieren, um besser zu sein?

Fußnoten    (↵ returns to text)

  1. Pfanzelter, E.: Von der Quellenkritik zum kritischen Umgang mit digitalen Ressourcen. In: Gasteiner, M.; Haber, P.: Digitale Arbeitstechniken für die Geistes- und Kulturwissenschaften. 2010 Wien.
  2. ebd. S. 42f.
  3. Für alle Frauen, die sich jetzt auf Brüste reduziert fühlen: Deal with it.

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