Die Schlacht bei Minden

Die Schlacht bei Minden - Lokales Ereignis, globale Folgen

 

Weil ich so selten dazu komme, etwas zu schreiben im Moment, recycle ich ein wenig. Die Ausstellung zur Schlacht bei Minden ist seit vorletztem Samstag eröffnet und ich habe wenigstens mal Fotos hochgeladen. Die könnt ihr euch ganz einfach > hier < angucken.

Als Bonus gibt es noch den Text, den ich für die Einführung des Ausstellungskatalogs geschrieben habe. Er ist zwar auch etwas auf Mindener ausgerichtet aber natürlich für jeden geschrieben. Das hier ist die nicht redigierte, jungfräuliche Version.

 

Eine Schlacht um Minden?

Es gab keine Schlacht um Minden. Das Treffen beider Parteien nahe Minden scheint heute eher zufällig. Aber es gab nichtsdestotrotz eine Schlacht bei Minden. Auch wenn es dabei nicht um die Stadt Minden ging, so war die Schlacht für die Menschen in und um Minden nicht weniger bedrohlich. Sie wurden unweigerlich zu Schlachtteilnehmern. Sie versorgten die Soldaten mit Essen, boten ihnen Unterkunft und pflegten die Verwundeten. Ihre Ernte wurde zum Futter der Soldatenpferde und gleichgültig der Tatsache, daß die Einwohner Mindens nicht selbst kämpften, machten umherschwirrende Gewehrkugeln keinen Unterschied zwischen Soldat und Mutter. Not entstand nicht nur durch die Kämpfe, sondern auch durch Verknappung der Ressourcen, allem voran der Nahrung. Ungeachtet dessen, dass Minden nicht beabsichtigtes Ziel der Schlacht war, waren die Mindener ihre Opfer. Sie trugen ihren Teil zum Sieg gegen Frankreich und Österreich bei und dieser sollte seine Schatten bis nach Amerika werfen.

Die Schlacht bei Minden liegt nun 250 Jahre in der Vergangenheit. Aber sie ist alles andere als Vergessen. So erinnern sich heute auch noch Sieger, Verlierer und vor allem die Mindener „an einen nebligen Morgen“ im Jahr 1759. Aber wirklich erinnern kann sich keiner mehr von uns. Alle Informationenüber die Schlacht wurden tradiert,überliefert, weil heute kein Zeuge der Schlacht noch am Leben ist. Niemand kann uns aus erster Hand erzählen, was damals geschehen ist. Alles was uns bleibt sind Berichte, Bilder,überreste und viele andere Arten von Quellen, die wir richtig deuten müssen, weil auch diese nicht von selbst zu sprechen beginnen. Also liegt es an den Menschen aus den stummen Zeugen der Schlacht ihre Geschichte zu rekonstruieren.

Was ist Geschichte?

In diesem Kontext wird wiederholt von Erinnern und Geschichte gesprochen, diese Begriffe wurden aber noch nicht weiter erklärt. Natürlich sind das zwei ganz alltägliche Begriffe, trotzdem muss man vielleicht oder vor allem weil diese Wörter so selbstverständlich sind, noch mal auf ihre Bedeutung eingehen. Was sich Erinnern bedeutet ist jedem klar, jedoch muss man mit Erinnerungen vorsichtig sein. Selbst wenn man mit größtmöglicher Sorgfalt seine Erinnerungen prüft, so sind sie doch immer subjektiv. Sie sind gefärbt vom eigenen Charakter und gefiltert durch den eigenen begrenzten Blickwinkel. Außerdem muss man, wie im vorherigen Abschnitt angedeutet, zwischen den Erinnerungen an eigenen Erfahrungen und den im Gedächtnis gebliebenüberlieferungen anderer unterscheiden. Zum Beispiel haben viele Menschen eine Vorstellung davon wie die Freiheitsstatue in New York aussieht, ohne sie jemals mit eigenen Augen betrachtet zu haben. Wir gehen alle davon aus, dass die Erde jeden Tag und jede Nacht um die Sonne kreist, obwohl wir es zu keiner Zeit wirklich gesehen haben. Genauso erinnern wir uns an eine Schlacht bei Minden, vor 250 Jahren, ohne das auch nur einer von uns dabei war. Natürlich gibt es Bilder, Texte und andereüberlieferung, aber all das ist nichts anderes als Hörensagen. Egal ob es sich dabei um die Erdumlaufbahn oder einen blutigen Konflikt handelt.

Der Begriff Geschichte ist unzuverlässiger, als es den Anschein haben mag. Vieles was uns die Literatur oder das Fernsehen anbietet, tun wir als Fiktion oder auch gnädig als könnte-so-gewesen-sein ab. Trotzdem sind Romane, Krimis und Märchen nicht zuletzt Geschichten, die uns erzählt werden. Bei der Geschichte eines Ereignisses bekommt das Wort eine ganz andere Bedeutung. Es handelt sich dabei nicht mehr um bloße Fiktion, sondern um den Bericht eines vergangenen Geschehnisses, etwas Realem. Wasüber dieses Ereignis berichtet wird, ob in Büchern, im Fernsehen oder auch in der Schule, das wird vertrauensvoll als die Wahrheit akzeptiert. Grundsätzlich ist es natürlich nicht falsch einer Expertenmeinung zu vertrauen, aber ohne ein paar weitereüberlegungen kann daraus ein fehlerhaftes Geschichtsverständnis entstehen.

Geschichte ist ein gigantisches Puzzle. Man fügt Tonscherben, Chroniken, Urkunden und alle möglichen anderen Quellen zu einem Bild zusammen. Man hat dabei selten alle Teile und wie die Teile zu einander passen ist Interpretationssache. Durch wissenschaftliche Methode und Erfahrung werden Sachverhalte erschlossen, geprüft und miteinander kombiniert, trotzdem bleibt es eine Interpretation von Fakten. Besitzurkunden können gefälscht und Briefe voller Lügen sein. Wo war eigentlich die Varus-Schlacht und war Sackville ein Feigling? Zu diesen Interpretationsproblemen kommt noch hinzu, dass die Menschen damals nicht objektiver waren als heute. Sie konnten von einem Ereignis auch nur das wissen, was sie selbst erlebt haben oder was ihnen berichtet wurde und das ohne Telefon, Fernsehen oder Fotos. Der Erfahrungshorizont war kleiner als heute. Eine Nachricht geht heute in Sekunden um die Welt, während sie je nachdem wo wir uns historisch befinden Tage oder Wochen bis ins nächste Dorf brauchte. Also sind selbst perfekt erhaltene Quellen, wie zum Beispiel Augenzeugenberichte in einem Brief, mit Vorsicht zu genießen. Ist die Darstellung des Autors vielleicht durch seinen Blickwinkel beschränkt und zu einseitig? Wusste er genug, um sich eine Meinung bilden zu können? War er voreingenommen? All das ist zu beachten, bei jedem einzelnen Puzzleteil aus dem sich Stück für Stück ein Bild ergibt. Dabeiändert sich das Bild ständig, die Puzzleteile verändern einander und alles in allem ist nicht zuletzt Interpretationssache.

 

Geschichte erleben

Trotzdem lässt sich Geschichte oft sehr gut rekonstruieren, längst vergessene Ereignisse werden wieder in Erinnerung gerufen. Aber es bleiben immer Fragen offen oder man stößt auf ganz neue Fragen, nachdem eine andere beantwortet ist. Geschichte ist kein eherner Gesetzestext. Geschichte spielt sich meistens zwischen mehreren Menschen ab. Jeder Mensch hat seinen eigenen Blickwinkel auf das Geschehen, seinen eigenen Filter. Darum werden Ereignisse auch unterschiedlich wahrgenommen. Jemand der in einem Krieg verwundet wurde, empfindet beim Anblick eines Gewehres etwas anderes als ein Kind, das vielleicht mehr ans Spielen mit Freunden denkt. Geschichte ist nicht nur eine Auflistung von Zahlen und Fakten, denn dahinter stehen immer Erfahrungen und Gefühle. So können wir von Hungersnöten und tausenden Toten lesen, aber die wenigsten wissen, wie es ist zu hungern oder im Krieg jemanden sterben zu sehen. Um Geschichte zu verstehen und sei es die Geschichte der Schlacht bei Minden, muss man nicht nur die Zahlen kennen, man muss nicht nur wissen, welche Hintergründe es gab, man muss auch versuchen ein Gefühl für dieses Ereignis zu bekommen. Das bedeutet, man muss verstehen, wie sich die Menschen gefühlt haben. Wovor sie Angst hatten, worunter sie gelitten haben. Wie war es, auf einmal mitten in einem Krieg gefangen zu sein? Wie war es, alles mit Fremden teilen zu müssen? Wie war es, die vielen Verwundeten zu sehen und sich um sie zu kümmern?

Dort liegt der Schlüssel zur Geschichte, nicht nur in den Zahlen und Fakten oder einer genauen Darstellung, sondern auch in den Erlebnissen der Menschen. Darum muss versucht werden, die Dinge sowohl aus unseren Augen wahrzunehmen als sich auch in die Betroffenen hineinzuversetzen. Um Geschichte zu verstehen, muss auch versucht werden sie zu erleben. Denn Geschichte ist nichts anderes als die vergangenen Erlebnisse der Menschen.

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