Requiem

Ich hatte bestimmt nicht das schlechteste Leben. Wenn man sich in der Welt so umschaut, dann kann man sagen, dass ich keine Ahnung habe, wie schlecht es jemandem wirklich gehen kann. Aber darum geht es nicht. Alle Gefühle, Erfahrungen und Eindrücke sind subjektiv. Nur ich kann fühlen wie ich, weil mein Leben, meine Erfahrung einzigartig ist. So wird jeder Moment auf eine einzigartige Weise wahrgenommen, soähnlich sie auch anderen sein mag. Das gilt für jeden Menschen. Man kann ahnen und vielleicht auch verstehen, was in jemandem vorgeht, aber man niemals identisch dasselbe fühlen. Also kann ich mein Leben nur so sehen, wie ich es sehen kann. So verstehen, wie ich es verstehen kann und eben nur so einordnen, wie ich es kann.

Ich hatte bestimmt nicht das einfachste Leben. Geld wahr schon immer Segen und Fluch. So gerne ich es auch mag flexibel zu sein, manchmal, eigentlich immer, hätte ich gerne eine Familie gehabt, die vor allem eines ist, eine Familie. Keine Mischung aus Schlachtfeld, Zweckgemeinschaft und ab und zu aufkommendem Frieden. Müssen statt können, könnte auf unserem Familienwappen stehen. Inzwischen tue ich der Situation aber unrecht. Irgendwie wird versucht alles verlorene wieder aufzuholen. Aber ich bin inzwischen 25, leicht verkorkst und ziemlich freakig. Ich habe mein eigenes Leben und diese Freak Show muss erstmal in die richtigen Bahnen gelenkt werden.

Ich bin was ich bin und eigentlich bin ich stolz drauf. Jemand hat mir mal gesagt, dass es das Wort eigentlich nicht gibt. Damit hat sie völlig recht. Eigentlich benutzt man nur, um keine genaue Aussage treffen zu müssen, weil man sie sich a) nicht traut, b) nicht sicher ist oder c) sucht euch einen Grund.

Ich bin stolz auf mein Leben und mich. Trotz dessen, dass ich bestimmt nicht alles richtig gemacht habe. Manchmal fühle ich mich verloren undängstlich ohne die Hilfe anderer. Deswegen versuche ich keine Fehler zu machen. Ich denke, dass ich mit jedem Problem fertig werden kann, aber ich habe auch natürlich Angst davor mich zu irren. Ich habe ziemlich viel durchgemacht undüberlebt. Noch besser, ich lerne viele Sachen dabei, auch wenn mir immer wieder auffällt, wie viel ich noch lernen muss. Da waren Dinge bei Larissa, die ich solange wir damals noch zusammen waren, nicht gesehen habe. Ich war ein ziemlicher Idiot, aber damit war ich in sehr guter Gesellschaft. Apro pos: Huhu! Ich weiß, dass du das hier immer noch liest :-p. Das gute daran ist, wenn man immer mit Problemen konfrontiert wird, man lernt sie zu erkennen und zu lösen. Egal ob Familienstreits, Ängste, Vergewaltigungen, Lüge oder Liebe. Solange man etwas daraus lernt, ist an jedem Problem etwas Gutes.

Das klappt schon, irgendwie! Bei diesem Satz läuft mir ein Schauerüber den Rücken. Daran sind die Erfahrungen mit Sophie Schuld. Bei ihr hat es irgendwie immer geklappt, alles. Sie hatte auch nicht das einfachste Leben, wahrscheinlich weil kein Leben wirklich einfach ist. Aber sie ist ein Glückskind. Der Spruch „Glück im Unglück“ nimmt bei ihr ganz neue Dimensionen an. Ich hatte nie Glück. Ich habe seid ich sie kenne sogar Angst davor, mich auf mein Glück zu verlassen. Aber ich brauche auch kein Glück. Wenn ich mein Leben so anschaue, kann ich auch sagen: Das klappt schon, irgendwie! Ich habe alles irgendwie gelöst und was ich nicht gelöst habe, zumindestüberlebt. Ich denke nicht, dass alles im Leben gut wird. Ich denke nicht mal, dass ein Leben gut werden muss. Warum sollte es? Es gibt keinen Autor, der für unser Leben ein Happy End geschrieben hat. Wir sind die Autoren! Trotzdem sind wir oft machtlos und ein Schicksalsschlag, Pech oder Dummheit kann ganz schnell das Tipp-Ex auf unserem glücklichem Ende sein. Es hat zwar schon viel irgendwie geklappt, aber ich habe auch viel verloren und es war immer schwer.

Ein steiniger Weg, ist immer noch ein Weg. Wenn ich eines kenne, dann Steine in meinem Weg. Jedes mal, wenn alles glatt geht, kommt aus dem nichts ein Felsbrocken angerollt. Indiana Jones lässt grüßen. Irgendwann habe ich für mich entdeckt, dass es nichts bringt allem auszuweichen. Slalom laufen ist macht müde und führt einen letztendlich vom Weg ab. Ich lande, wo ich nicht sein will. Also bleibt nur eines: Den Kopf senken, Schulter nach vorne und mitten durch. Bloß manchmal gibt es Brocken, die nicht so einfach zuüberstehen sind. Als ich nach drei Jahren Schmerzen im Winter 06 ins Krankenhaus kam und mir die Gallenblase entfernt wurde, war es irgendwie zu viel. Die Monate davor waren schwer und stressig. Ich konnte meine Zwischenprüfung wegen einer Dozentin nicht haben. Mit Sophie waren sehr schnell die rosa Wolken durch Probleme ersetzt worden. Zwar erholte ich mich extrem schnell von der OP und war nach knapp 24h wieder auf dem Dampfer. Aber mein Geist hat nicht mehr mit gemacht. Ich habe mich dann zur Prüfung geschleppt, hab sie geschafft und dann bin ich stehen geblieben. Ich konnte nicht mehr weiter, ich kam mit dem Stress nicht mehr klar. Dieüblichen Steine rollten michüber, ich konnte weder ausweichen noch sie durchbrechen.  Also hab ich mich klein gemacht, den Kopf eingezogen und gehofft, dass alles besser wird. Es wurde nicht besser. Die Probleme wurden größer, trotz unserer Liebe, herrscht bei uns eher der Ärger vor und so führt eines zum anderen. Vor allem ließen sich die Probleme mit uns eben nicht lösen und so wurde sowohl Sophies als auch mein das klappt schon irgendwie auf die Probe gestellt.

Business as usual. Irgendwann habe ich dann neuen Mut gesammelt und wieder angefangen. Gerade als es wieder ging, kam der nächste Stein. Die Uni schmeißt will mich und alle anderen Nicht-Bachelor von der Uni werfen und so habe ich heute noch 2 Semester und brauche 4. Dabei habe ich noch nicht mal die Regelstudienzeit voll. Von Krankheit und Krankenhaus ganz zu schweigen. Was mich soängstlich vor Fehlern macht ist nicht, dass ich etwas falsch mache. Sondern weil man mir nichts verzeiht. Während ich nicht gerade nachtragend und sehr gutmütig bin, wird ein kleiner Fehler von mir gleich zu einer Katastrophe. Hey ich war im Krankenhaus, ist das mein Fehler? Nein, aber beim Studium zählt es nicht. Ich lüge niemals, werde aber so behandelt. Sogar der gutmütigste Mensch, den ich kenne (Sophie), hat bei mir die Toleranz eines tollwütigen Wolfes. Wolfsohren hören ihre Beute und Giraffen werden gefressen (wer die Analogie versteht, bekommt ein Bier).

Requiem. Gestern war so ein Tag, der einen vor eine Entscheidung stellt. Entweder entschuldigt man sich dafür man selbst zu sein, man erklärt warum man ist, was man ist oder man sagt Fuck you. Ich entschied mich für die erste Version. Dann habe ich gemerkt, dass das a) vollkommen bescheuert ist und ich b) davon genug hab, mich für mich zu entschuldigen, wenn ich keine Fehler mache. Also habe ich es erklärt. Und gemerkt das hier jetzt etwas endet. Es endet die Zeit in der ich mich klein mache. In der ich mich verstecke und möglichst geringen Widerstand biete. Es endet nicht die Vernunft, aber ich fange wieder an ich zu sein. Wenn man schon nach jedem Strohhalm greift, um mir einen Strick daraus zu drehen, dann bitte nehmt die Fehler, die ich wirklich habe.

Was ich bin, was ich will. Ich bin gerne genial und gerne gut. Ich weiß nichts mit mir anzufangen, aber die Dinge, die ich tue, mache ich gut. Ich sehe Probleme, bevor sie aufkommen und schaffe sie aus dem Weg oder bereite mich darauf vor. Das hat nichts damit zu tun, dass ich rechthaberisch, negativ, pessimistisch, gehemmt oder zickig bin. Aber jedes mal irgendwo rein zu rasseln und dann zu sagen Oh, wo kam das denn nur her. Hmm ich habe keine Ahnung, ist mehr als nur dämlich. Ich belüge mich doch nicht selbst, damit ihr euch besser verkommt. Wer nicht mitkommt, den trage ich. Wer nicht mitkommen will, der bleibt zurück. Ich bin nicht einfach. Ich habe zu viel Energie, zu viel zu tun und fühle mich im Leben (nicht von einer Beziehung!) eingesperrt. Warum ist unsere Gesellschaft so falsch, wie sie ist? Warum sehen das so wenige? Wer nicht zuhören kann, wer nicht sieht und nicht versteht, der muss es halt lernen. Wer nicht lernen kann oder will… ist arm dran aber dafür kann ich auch nichts.

Ich will leben. Ich will wieder mehr Schreiben, ich will diese Zeit noch genießen, ich will was Schaffen. Ich bin froh noch Student zu sein, weil es mir Flexibilität gibt. Ich habe mehr Freiheit in meinen Aufgaben, meinem Zeitplan, als wenn ich arbeiten würde. Diese Zeit ist bald vor bei und es ist die erste, letzte und einzige, die ich habe. Die Welt ist so schön bunt. Es gibt viel zu sehen, zu beschreiben und zum drüber nachdenken. Ich will leben, lieben, Spaß haben. Ich will tun, was mich glücklich macht. Schaffen, was mich größer macht. Sehen, was mich sehender macht. Und vor allem, will ich Menschen, die das mit mir teilen. Ich will nicht, dass sich immer alle auf mir ausruhen, bis sie weiter machen können und dann gehen. Ich will auch keine ignoranten,ängstlichen Selbstbetrüger. Ich will nicht vergessen, sondern mich erinnern, was mir mein Leben lang passiert ist. Ob das nun gute oder schlechte Zeiten sind. Ich will ehrlich zu mir selbst sein, ich will ich selbst sein und auch so ehrlich zu anderen sein können. Ich möchte Menschen, die sich selbst erkennen und das auch eingestehen. Ich will Fehler machen dürfen, den Fehler passieren. Ich will wieder sagen können: Es klappt schon, nicht irgendwie, sondern weil ich es schaffe! Ich will nicht mehr, dass der Schatten von meiner Beziehungüber uns liegt und alle Farben in Grau verwandelt. Ich will aber auch Sophie. Und das stellt mich vor etwas, dass ich nicht so einfach schreiben oder lösen kann. Was ich sage bringt nichts, weil man manche Dinge von selbst lernen muss. Nur leider lernt sie nicht. Sie versucht zu sein.  So oder so zu sein, anders zu sein, manches nicht zu sein. Dabei ist sie kaum noch. Glauben und sehen tut sie es nicht und so wird diese Beziehung ehrlich gesagt irgendwann einfach vorbei sein. Oder sie bekommt es noch hin. Was ich mir wünsche und hoffe. Ich glaube daran, dass sie es kann. Aber nicht, dass sie es noch rechtzeitig schafft.

Ich bin ich – und dieser Weg geht weiter. Ich komme wieder in den Gang und will mich nicht stoppen lassen. Ich komme mir vor, als hätte ich schon so viel Zeit verloren. Es gibt neue Probleme zu lösen, nur Arbeiten zu erledigen und neue Dinge zu sehen. Verzweifeln und stehen bleiben, bringt mich nicht weiter. Ich werde meine Angst besiegen und wieder weitermachen. Deswegen schreibe ich das auch hier. Ich habe immer geschrieben und werde es auch weiter tun. Mal mehr, mal weniger aber ich werde mich nicht wieder dafür schämen zu denken, was ich denke. Die Zeit ist jetzt vorbei und etwas neues fängt an.

.: Subway to Sally – Grabrede :.

2 Kommentare

  1. Es gibt wohl kaum Komplizierteres als die sogenannten Twens. Da soll man erwachsen sein, Leistung bringen und sich nach Möglichkeit schon mal verwirklichen. Noch sind viele Wege offen und da steht man nun: Was tun? Wohin? Mit wem? Gerade in Beziehungsdingen ist es jetzt schwer. Entwickelt man sich in die selbe Richtung oder geht man zunehmend getrennte Wege? Schafft man es man selbst zu bleiben? Das weiss man meistens erst nach einer Bezihung in der man dies nicht geschafft hat. Dann zieht man (hoffentlich) seine Lehre und macht es beim nächsten MAl anders. Diese Beziehungen beuteln einen besonders. Sie reissen Herzen auseinander, weil man zum ersten Mal erkennt, was es eigentlich heisst zu lieben und seine Liebe dann davon driften sieht.
    Deine Erkenntnis ist schon richtig. Versuch dir treu zu bleiben. Nach Möglichkeit so, dass du dir selbst immer noch im Spiegel begegnen magst. Der Rest regelt sich tatsächlich oft von selbst. Manchmal hilft es, sich kurz zurückzulehnen und zuzusehen wie die Dinge sich entwickeln. Das mit der Uni wird sich auch noch regeln. Die Zeit wird doch vermutlich verlängert. Dann kannst auch du dein Studium beenden. Hauptsache, du lässt dich nicht unterkriegen. Also:
    Kopf hoch, durchgeatmet und voran geschritten und zwar einen Schritt nach dem anderen.

  2. Sorry, dass ich so spät antworte, aber manchmal muss man erst alles etwas sacken lassen 🙂

    Danke, Du machst mir Mut. Das ist mir das wichtigste. Im Moment ist alles so durcheinander. Ich weiß, wer ich bin und was ich kann, aber nicht wo mein Platz hier ist.

    Dazu wollte ich noch ein Zitat aus der Süddeutschen posten, aber ich finde es einfach nicht wieder.

    Liebe Grüße

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