Avalist Special: Spreu und Weizen

Hier habe mal wieder zwei Artikel für den Avalist (die Fachbereichszeitung) geschrieben. Das eine ist einüberarbeiteter Artikel des Blogs und das andere ist wieder random Ranting. Hier Nummer 1:

Spreu und Weizen

Als angehende Geschichtswissenschaftler lernen wir, objektiv und strukturiert zu arbeiten. Prozesse sollen gut gegliedert und wahrheitsgetreu augenscheinlich gemacht werden, damit man ihre Ursachen erkennt und versteht. Manchmal kann man diesen Anforderungen aber nicht gerecht werden. Besonders wenn man selbst betroffen ist, gerät man in Gefahr, seine Objektivität zu verlieren.

Wenn ich jetztüber den Beschluss zum Rauswurf der Magisterstudenten in Niedersachsen schreibe, ist die nötige Distanz nicht vorhanden. Rauswurf klingt schon gleich negativ, aber allen Schlüsselqualifikationen und guten Manieren zum Trotz: Das ist mir verdammt egal.

Vor nicht all zu langer Zeit wurden hier in Hannover die Studiengebühren eingeführt. Bildung kostet nun mal Geld und wer gebildet sein will, muss dafür bezahlen. Damit wurde die Bildung ab einem gewissen Niveau zu einer Dienstleistung und war kein Grundrecht mehr.

Es wurde viel geklagt, viel debattiert und demonstriert. Aber am Ende kam es so, wie es geplant war und zu den Verwaltungsgebühren kamen die Studiengebühren. Immerhin insgesamt 780 Euro. Dafür kann man schon einiges erwarten. Vergleicht man das Studium an der Universität mit einem Studium an der Fachhochschule oder mit der Ausbildung in einem Betrieb, dann ist das klassische Studium sehr viel teurer. Beide Alternativen kosten weniger Zeit und während der Ausbildung verdient man schon Geld. Es liegt also die Erwartung nahe, dass sich der zusätzliche Aufwand auch lohnt.

Es lohnt sich vor allem für diejenigen, die auf Sauerstoff verzichten können undüberfüllte Hörsäle als Fetisch haben. Manchmal erinnert das Studieren an einen relativ teuren Abenteuerspielplatz. Man muss natürlich sein Studium in Eigenverantwortung planen, aber dann auch noch Verantwortung für das Chaos innerhalb der Uni selbstübernehmen. Das kostet Zeit und Nerven und manchmal braucht es auch eine kleine Portion Glück.

Daran hat sich auch mit Studiengebühren und einheitlichen Bachelorstudiengängen nichts geändert. Wobei die Bachelorstudiengänge so einheitlich sind, wie alle Menschen (und Brote), die Bernd heißen. Es ist eher noch schlimmer geworden. Besonders für die hektischeren Bachelorstudiengänge sind bürokratisches Chaos und fehlender Platz mehr als fatal. Unabhängig vom Studiengang müssen die Studenten zwar gefordert werden, aber eben auch gefördert. Wobei ich unter Anspruch im Studium eher intellektuelle Leistung sehe, als mit chaotischer Bürokratie, eventueller Platzangst und unkooperativen Dozenten fertig zu werden.

Es scheint eher, als hätten viele Unis Blut geleckt, als sie die Studiengebühren bekamen.überall wurden Namen verändert, sich auf alte Wurzeln besinnt. Sowohl in der Politik als auch in den Präsidien der Unis hörte man vor allem ein Wort immer wieder: Elite. Plötzlich wollte jede Universität eine Elite-Uni sein.überall sprossen Pläne für Möchtegern-Harvards, wie Pilze aus dem Boden. Man konnte seine internationale Leistungsfähigkeit beweisen. Aber was ist mit den Studenten? Verbessert sich wirklich für sie was? Aus der Sicht eines Magisterstudenten kommt es mir so vor, als entwickelt es sich wie bei jedem deutschen Plan, zu internationaler Größe zu gelangen: Es geht mehr als schief.

Wir angehenden Historiker in Hannover sind gezwungen, uns innerhalb des Wintersemesters 08/09 zu den letzten Prüfungen anzumelden oder müssen gehen. Was ist mit denen, die länger brauchen? Die haben Pech gehabt. Egal, ob sie krank waren, Probleme hatten oder – Gott bewahre, auch aus Interesse studierten und nicht nur, um Scheine zu bekommen, die Altlast muss raus. Dabei mangelt es doch angeblich an Akademikern. Jetzt werden den letzten Talentierten, die die Wirren unseres Schulsystemsüberstanden haben und nicht wegen bösen Killerspielen Amok gelaufen sind, noch weitere Steine in den Weg gelegt. Wobei die Gründlichkeit, mit der Systeme verbockt werden, auch schon fast positiv anzuerkennen ist.

Vielleicht finden die Universitäten noch ihren Weg zur Elite. Einen Weg, der auch die Studenten zur Elite werden lässt. Eine Uni sollte den Titel Elite-Universität dadurch erlangen, dass die Ausbildung dort eine der besten ist, die man bekommen kann. Eben nicht nur, weil die Hörsäle schön sind und der Eingang glitzert und blinkt wie eine Bordelltür.

Wobei das passend wäre, immerhin ist das Wissen auf dem besten Weg in die Zwangsprostitution.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: