Avalist Special II: Feindbilder

Hier ist der zweite Artikel, sehr passend, da die Bahn die GDL auf 5 Mio Euro verklagen will:

Feindbilder

Was Menschen zusammenschweißt sind oft Feindbilder. Der Feind meines Feindes ist mein Freund ist ein altbewährter Grundsatz. Dabei sind die Gründe dafür, warum jemand/ etwas ein Feind ist, so vielfältig wie Menschen, die Feinde haben. Wobei der Begriff „Feind“ oft etwas zu hart ist. Sündenböcke, Antagonisten, Pechvögel, Randgruppen und immer wieder beliebt die Vertreter des Neuen. Das sind die vermeintlichen Teufel gegen sich die Allgemeinheit einschwören kann. Nichts hilft besserüber den Frust, die Fehler und das Grau des eigenen Alltags hinweg, als wenn man mit den Bekannten und Freunden, den Kneipenkollegen und Friseurinnenüber die aktuellen Feindbilder lästern kann.

Ganz aktuell in die Topliste eingestiegen ist die Gewerkschaft Deutscher Lokführer und deren Mitglieder. Sie streiken für mehr Lohn und bessere Arbeitsverhältnisse. Dabei spielen die Forderungen und Verhältnisse eine untergeordnete Rolle. Das Wichtigste an dem Streik ist der Streik an sich. Das allein ist ein Ärgernis. Sie verursachen Komplikationen, sie brechen aus ihrer Ordnung aus und die Menschen müssen sich darauf einstellen. Selbst wenn sie einen Stundenlohn von 25 Cent hätten, wären die Deutschen, die sich darüber aufregen, jetzt genauso sauer. Es geht nicht um die Verhältnismäßigkeit der Forderungen, sondern dass sie den Widerspruch vagen. Es geht um das Streikrecht an sich. Dabei streiken Franzosen fast 30-mal so viel wie die Deutschen. Die Spanier sprengen mit dem 60-fachen der Streikdauer der Deutschen schon den Rahmen (vgl. Abb. 1).

Die Wut des Volkes entlädt sich immer am Volk. Zwar lästern und schimpfen vieleüber die Politik und ihre gewählten Vertreter, aber es erinnert eher an ein gleichbleibend-monotones, politikverdrossenes Gebrabbel. Richtig aufgeregt wird sichüber die Menschen, die versuchen etwas an der Situation zuändern. Die für ihre Sache kämpfen, ihre Stimme erheben und demonstrieren. Ob gerechtfertigt oder nicht, an ihnen entlädt sich auch der geballte Frustüber die Umstände, die sie anklagen. Als könnte die GDL etwas für die extrem gestiegenen Lebenshaltungskosten, die Energiepreise oder die schon hohen Bahnpreise. „Wir haben auch kein Geld“, „Die Bahnpreise sind schon hoch genug“ – so schallt es aus der breiten Masse. Nur weil alle kein Geld haben, soll sich auch keiner beschweren? Trotzdem die Lokführer von den immer wieder gestiegenen Fahrpreisen nichts abbekommen haben, trifft ihr Streik auf Unverständnis.

Wo die Wurzel dieses Verhaltens ist, kann ich nicht sagen. Ich kann nur vermuten, dass es, wie so oft, keine einzelne Sache war, sondern ein Prozess, der alles auslöste. Wir hatten keine richtige Revolution, jedes Mal wenn wir uns zu etwas hinreißen lassen haben, ging es gelinde gesagt schief. Wir sind es einfach nicht gewohnt zu widersprechen, daran hat auch die NS Zeit nichts geändert. Die Aufarbeitung findet viel zu wenig statt, nicht im Großen, sondern im Kleinen. Unter Nicht-Historikern (wobei Historiker auch nicht fehlerfrei sind), in der Schule oder unter Fremden kommt man sich oft vor, als bekäme man vom Sprechenüber die NS-Zeit Syphilis.

Fakt bleibt jedenfalls, dass in der breiten Öffentlichkeit Widerspruch eher unbeliebt ist. Demonstrieren, wie es in den 70ernüblich war, ist heute undenkbar. Ob man nun gegen Ungerechtigkeit, Studiengebühren oder für bessere Verhältnisse demonstriert, ist egal. Demonstranten verursachen Ärger, stören den normalen Ablauf der Dinge und sind meistens auch noch laut. Richtig, volle Punktzahl! Das wollen sie auch! Leider resultiert das nur darin, dass man den Frust an ihnen auslässt.

Leider stellt sich niemand die Frage, warum man denn demonstriert, warum man sich beschwert.

Leider stellt sich fast niemandüberhaupt noch Fragen.

Abbildung 1: Mehr Streiks im Jahr 2006

Quelle: Hans-Böckler-Stiftung

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