Akademiker

Öfters mal was neues. Ich habe heute nach fünf Semestern das erste Mal den Bus zu Uni verpaßt. Da bleibt Zeit mal wieder etwas zu schreiben. Denkt euch einfach dieüblichen einführenden Entschuldigungen. Ich habe leider viel um die Ohren.

Es stellt sich mir mal wieder die Frage nach der Art und Weise der Durchführung meines Studiums. Ich habe mich damals entschieden für Wissen zu Studieren, weil ich Wissen, wirkliches Wissen als kostbar ansehe. Das mag zwar im Gegensatz zu meiner ausgiebigen Spielerei und unkonventionellen Arbeitsweise stehen, aber das sieht nur so aus. Ich möchte das tun, was mir im Leben wichtig ist und suche ständig nach einer Rechtfertigung dafür.

Warum?

Weil ich so, wie ich bin, nicht homogen mit dem gesellschaftlichen Idealbild bin. Dabei würde sich erst einmal die Frage stellen, wer denn ein gesellschaftliches Ideal definiert, und ob man als Teil der Gesellschaft nicht das Recht hat sein Ideal selbst zu definieren. Die Gesellschaft ist die Summe der Individuen. Obwohl ein allgemeines Leitbild von der präsentesten oder kulturell einflußreichsten Gruppe gebildet wird, fließt auch das ankantende, rückgradlose oder radikale Individuum mit ein. Man hinterläßt immer eine kleine Kerbe im Ganzen und schafft durch die Konfrontation mit einem Ideal ambivalente Erfahrungen bei allen Beteiligten. Also traut man sich Individuum zu sein, trägt man seinen Teil zur Schaffung und Veränderung eines Idealbildes bei. Frei nach einem risikoreichen Trial and Error verfahren. Praktisch der Bruteforce Angriff auf die Formel für das perfekte Miteinander. Das bedeutet scharf gesagt, daß auch Mörder ihren Platz in der Gesellschaft haben. Sie haben uns gezeigt warum eine solche Handlung schlecht und zu verurteilen ist.

Das führt uns zum nächsten Schritt. „Verurteilen“ bedeutet, daß zwar jedes Individuum auf eine Weise zur Veränderung oder Bestätigung eines gesellschaftlichen Ideals beiträgt, aber dieses Individuum seine Handlung damit nicht rechtfertigen kann. Des Weiteren müssen wir das gesellschaftliches Idealbild und die gesellschaftliche Realität mit der nötigen Trennschärfe betrachten. Damit meine ich, daß wenige wirklich ein Ideal erreichen, weil es nicht in ihren Möglichkeiten steckt. Andere aber streben diese Ideale auch gar nicht an. Damit kommen wir auch endlich zum Ende des einleitenden Komplexes.

Warum sollte man Idealbilder anstreben? Selbst als Individuum wider aller Norm, leistet man seinen teil zu einem veränderten Ideal bei. Sofern auch nur ein einziger Mensch die Existenz eines anderen Berührt, nimmt er einen, wenn auch mikroskopischen, Einfluß auf sein Leben.

Jeder sollte den Weg gehen, der ihn glücklich macht. Am besten ohne Zweifel und mit Stolz. Das ist der Teil, den ich nicht leisten kann. Wenn ich wirklich ehrlich bin, dann kann ich sagen, daß mir die Uni Spaß macht. Oft viel Streß und Ärger, es bringt mich nicht unbedingt immer weiter und ich könnte auch erfolgreich in der Wirtschaft sein. Aber darum geht es mir nicht im Leben. Es gibt genug Reiche, genug Arme. Aber es gibt viel zu viele Menschen, die sich jeden Tag verarschen lassen. Viel zu viele Schafe, zu wenige Hirten.

Ich könnte ehrlich gesagt noch viele Jahre so weiter machen wie jetzt. Ich brauche kein Auto, ich brauche keine 2.5 Kinder und kein Spitzengehalt. Aber ich brauche schon gutes Essen und teure Hardware, die muß auch verdient werden. Aber worum es mir im Leben geht, ist die Menschen zum nachdenken zu bringen. Zu erkennen, was ist, was sie sind und damit glücklich zu werden.

Streben wir alle nur Idealbilder an, sind wir bald nur noch monotone Kopien ohne Tiefgang. Damit meine ich alle Menschen von Gangster-Rapperüber Bankkaufmänner bis zu Studenten. Wenn wir nur noch den Idealtypus kopieren erfolgt keine Entwicklung mehr. Der Lernfaktor beträgt absolut Null. Aber anzunehmen, daß unser Idealtypus auch perfekt ist, ist anmaßend und falsch. Wir können einen Typus nur nach den gesammelten Erfahrungen definieren. Oft auch nur nach den gesammelten Erfahrungen einer Gruppe. Fehlt dieser Menge eine Erfahrung, kann der Idealtypus auch nicht darauf ausgerichtet werden und es fehlt ihm Wissen. Langsam dringen wir zum Kern vor.

Mir geht es persönlich natürlich besonders um die Studenten und Studierten. Gerade dort vollzieht sich ein Wandel. Schnell studieren, schnell in die Arbeitswelt. Worum geht es beim Studium noch? Es ist nur noch eine Art Ausbildung mit höherem Leseanteil. Die Selbstverantwortung geht, zumindest hier in Hannover, auch immer weiter verloren. Man lernt nicht mehr für sich und sein Leben, sondern für den zukünftigen Chef. Dabei sollte es eine Mischung aus beidem sein. Man sollte in einem Themengebiet zum Experten werden und gleichzeitig soll der Verstand reifen. Früher bedeutete das Wort „Akademiker“ mehr als einen Hochschulabschluß zu besitzen. Menschen können alles lernen, manches schlechter, manches leichter. Investiert man genug Zeit in einen wollenden Lehrling, kann man ihm alles beibringen. Deswegen denke ich auch, daß letztendlich der Abschluß eines Akademikers für diese Art der Betrachtung egal ist. Früher fand ein geistiger Reifungsprozeß statt. „Dichter und Denker“ war mal ein wertvoller Begriff. Egal ob Arzt, Physiker, Wirtschaftswissenschaftler oder Soziologe – alle hatten Meinungen. Wirkliche Meinungen, waren Individuen und auch Teil einer Gruppe. Ich, als einer der letzten Magister Studenten, fühle mich im hier und jetzt fehl am Platze. Ich studiere für das Wissen, um es zu Wissen. Um zu verstehen, was passiert – wirklich zu sehen was vor sich geht. Ich bin dadurch ein guter Analytiker geworden, ich kann gut Probleme erkennen, gut Wissen vermitteln und organisieren.

Aber ich bin nicht wirtschaftlich und das ist alles was noch zählt. In den Bachelorstudiengängen werden die Studenten mehr durchgeprügelt und dem Ideal angepaßt. Mit den Studiengebühren kommen fast nur noch Leute an ein Studium, die dem Ideal schon entsprechen. Wie soll ich, als Individuum, meine Art und mein Wesen also rechtfertigen? Ich kann im Moment nicht laut sagen, daß ich bin wie ich bin und das gerne. In mir ist ein schlechtes Gewissen, daß man sich heutzutage den Luxus ein Individuum zu sein nicht mehr leisten kann. Besonders bei bald 780 Euro pro Semester, die ich danach erst wieder verdienen muß. Das Magister Geschichtsstudium schult meinen Charakter, man lernt Schlüsselqualifikationen, Selbstorganisation und mit Wissen umzugehen. Ich lerne natürlich auch geschichtliche Fakten, aber das steht nicht im Vordergrund, sondern das erlernen einer wissenschaftlichen Arbeitsweise. Das ist auch in anderen Studiengängen so, aber man wird eben nur noch zum Fachidiot. Trotzdem haben Fachidioten einen hohen wirtschaftlichen Nutzen. Es sind qualifizierte Arbeitskräfte, nur meiner Meinung nach muß man dafür nicht studieren. Jeden Menschen kann man zu einem Spezialisten entwickeln.

Das Studieren wird oder ist nur noch eine Art wirtschaftlicher Ausbildung und darum geht es wie gesagt nur noch. Ich muß mir auchüberlegen, wie ich aus meiner Art und meinem Wissen Geld mache. Wie ich so gut werde, daß ich aus Wissen Geld machen kann. Oder ob ich den Weg verlasse und nach der neuen Norm studiere, die in den letzten Jahren langsam eingeführt und mit den Studiengebühren dieses Semester besiegelt wurde. Richtig glücklich werden würde, ich wohl nur mit der „alten“ Art, aber selbst damit habe ich ja viel Streß und Angst, der auf meiner Unsicherheit beruht. Schaf zu sein und Hirten zu folgen ist auf jeden Fall einfacher, aber ich finde es nicht schöner.

Es ist nicht einfach in einer kapitalistisch leistungsorientierten Gesellschaft seinen Platz als wissenssuchender, gemütlicher und genießender Zuvieldenker zu finden.

.: Ignite – My Judgement Day :.

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